im zelt aus beton

Es ist von Vorteil, wenn ein Termin vorgegeben wird, an dem es gilt, sich mit einigen Gefährten aller Zeiten zu treffen. So wie am letzten Dienstag, als Morrissey sein einziges Deutschland-Konzert im Berliner Tempodrom geben sollte. Da kamen die fernen Freunde und flüchtigen Bekannten aus ihren Hohenschönhausener Hüten und Kladower Kemenaten hervor. Ein Ticket hatten sie sich schon vor Monaten besorgt, manch einer zur Sicherheit gleich zwei, weil Leute wie ich sich vor Jahren den Konsum eines blöden Stadtmagazins abgewöhnten und zu selten auf den Musikseiten im Netz unterwegs waren. Ich gehe seit einer Ewigkeit nicht mehr wöchentlich auf ein Konzert, schindere in der Vollzeitmühle und sitze gerne zu Hause, um die von meinen Fußballfreunden fabrizierten Werke zu lesen; zum Beispiel Jentes Fibel über den 1.FC Magdeburg oder Jans Fanzine zu Altona 93. Doch als ich vor Tagen endlich aus dem Knick kommen musste, um ein Ticket für Morrissey klar zu machen, hatte ich binnen weniger Stunden drei Angebote, von denen mich das erste glücklich machte. Und so trafen wir uns an jenem Nieselabend vor dem Betonzelt am Anhalter Bahnhof, denn Morrissey ist seit etwa 33 Jahren unser gemeinsamer Held. Unsere Wiedersehensfreude ging mit dem Tickettausch einher, da die Damen lieber ohne Herren auf einem der Ränge saßen. Ich wollte mich halbwegs frei bewegen können, nicht sitzen müssen, wie bei einer Tagung im Kongreßzentrum; zumindest nicht bei diesem denkwürdigen Rockkonzert. Aus lauter Vorfreude investierte ich einen Batzen Geld in ein Nicki, logischerweise in den Farben meines dynamischen Fußballvereins, das auf den Stapel der Nickis kommt, die ich selten anziehe. Morrissey, unser gesundheitlich angeschlagener Endfünfziger, legte eine anderthalbstündige Höchstleistung hin. Er agierte mit kräftiger Stimme und war samt seiner Band vielleicht besser denn je. Die Songs erkannten wir alle sofort. Es war kein neuer dabei, von einem nächsten Album wird nicht gemunkelt. Gerne hätte unser Grand Senior des Gitarrenpoprock sein 24stündiges Repertoire durchziehen können. All die hymnischen Liebeslieder, die oft etwas aneckendes haben. Auch seine Songs gegen Tierquälerei kommen heute so eindringlich wie im Jahr der Veröffentlichung; ganz gleich, ob das 1985 oder 2014 war. Aber ach, was waren meine Freunde und ich ruhig geworden; wir schenkten uns das Gerangel in den ersten Reihen, wippten wissend mit den Köpfchen und tranken gemäßigt. Doch es war schön, einige tausend normale Menschen um mich herum zu haben. Nirgends ein Arbeitskollege, nur wenige Smartphone-Fummler, vermutlich keine Pokemon-Jäger. Ein Konzert, feierlich wie eine Beerdigung, nur ohne Heulerei.

kinderaugen

Ich will nicht behaupten, in den ´60ern aus dem Kinder- und Sportwagen heraus die Mauer wahr genommen zu haben. Meine ersten Erinnerungen an dieses Bauwerk ordne ich den frühen ´70ern zu. Als Bewohner der Gleimstraße im Prenzlauer Berg zog es meine Familie oft auf den Falkplatz, dessen Westseite von der Mauer begrenzt war. Auf dem Rasenstreifen zwischen dem letzten Gehweg und den ersten Segmenten der Grenzanlagen durften wir unsere Decken nicht ausbreiten. Uns zog es ohnehin zur erfrischenden Plansche mit den steinernen Seelöwen. Unsere Mauerseite war weiß, dahinter lag der Wedding, von dem es nur einen Autofriedhof zu sehen gab, dort lebten die Arbeitslosen. Der Prenzlauer Berg war unser Indianerland. Wir waren für den Frieden, doch auch unter Indianern gab es Krieg, vor allem zwischen denen der 7. und 8. Oberschule. Wir schlugen uns durch Büsche, erklommen Sandwälle, überkletterten Zäune und fielen, nur mit einer Badehose bekleidet, in die Brennnesseln. Mein schlimmstes Grenzerlebnis jener Tage war das, als während des Hochsommers ein Asozialer seine Bierflasche im Wasserbecken zerdeppert hatte und ich mit dem Fuß in eine Scherbe trat. Ab und an rutschte ein Kind von einem der glitschigen Seelöwen ab. Ständig schrieen drei Kinder, das war der Sound unseres sozialen Friedens. Eine Kugel Eis kostete 20 Pfennige. An der Ecke stand ein Zeitungskiosk, an dem es jeden Monat das Mosaik-Heft zu erobern galt. Als unsere netten Hortnerinnen wegen eines über dunkle Kanäle eroberten Tarzan-Heftes und ähnlichem Westkram unsere Verbundenheit zur DDR anzweifelten, stellten wir leider fest, dass sie nicht ganz dicht waren. Die letzten Hausaufgänge der Gleimstraße lagen schon im Speergebiet, in dem ich bis zum Ende des 13. Lebensjahres ohne weiteres ein- und ausspazieren durfte. Dazu hatte ich keinen Grund, denn von allen Schulkameraden wohnte dort nur ein Streber. Desiree wiederum lebte glücklicherweise noch in der Ystader. Wenn im Fernsehen kesse Kinder gezeigt wurden, die den Prenzlauer Berg unsicher machten, waren das praktisch wir. Wir wollten nicht rüber zu den Mördern von Aktenzeichen XY. Meine Eltern waren Arbeiter und pro DDR, aber die Genossen sollten die Klappe halten. Den Polizisten an der Mauer bat ich mehrmals darum, mit einem Dietrich unsere Wohnung zu öffnen, wenn meine Eltern nicht zuhause waren, was er einmal in die Wege leitete. Ansonsten bestand seine Arbeit darin, uns aus den Büschen nahe der Mauer zu scheuchen. Unsere Hortnerinnen fühlten sich für alle Grünanlagen im Prenzlauer Berg verantwortlich. 1977 zogen wir weg, aber nicht wegen der Mauer. Die in jenem Jahr geborenen Kinder vom Falkplatz wurden 1989 von David Hasselhoff befreit.

immer wieder bfc!

Diese Kolumne möchte ich meinem Webkaiser widmen, mit dem ich neulich an Herthas Plumpe rote Lieder sang.

Ich besorge mir selten eine Saisonkarte für den BFC Dynamo, denn es muss spannend bleiben, ob ich Minuten vor dem Anpfiff noch ins Stadion komme. So ein Bonus gehört nicht zu meiner Fan-Kultur, ich habe weder Bier- noch Bratwurstabo. Auch wenn heutzutage das Cantianstadion bei BFC-Spielen oftmals nicht so voll ist wie um 1980. Seit einigen Jahrzehnten herrscht weitestgehende Bewegungsfreiheit, die ich allerdings zu schätzen weiß. Ich brauche eigentlich keine 3. Bundesliga, oder eine höhere Liga, mit der notgedrungenen Platzierung in der Kurve, wo mir eine Lautsprecherbox die Sicht auf den Strafraum einschränkt. Würde man mich zum Beispiel nach Hamburg verpflanzen, ginge ich dort zu Altona 93, schon wegen deren Durchschnitt von 777 Zuschauern. Am letzten Sonntag jedenfalls, dem 1. Spieltag der neuen Saison der Regionalliga Nordost, kamen akzeptable 1.445 Zuschauer in das Cantianstadion. Sportlich gesehen war es vor allem interessant, ob der Schwung aus den Vorbereitungsspielen, bei denen es auch einen 3:1-Sieg über den höherklassigen Chemnitzer FC gegeben hatte, in das erste Pflichtspiel gegen den Neuling FSV Union Fürstenwalde hinüber gerettet werden könnte. Der neue Trainer heißt Rene Rydlewicz, er war schon zu BFC-Meistertagen als 16jähriger Spieler und somit jüngster Debütant der DDR-Oberliga dabei. Später agierte er in der 1. und 2. Bundesliga für Bayer Leverkusen, 1860 München, Arminia Bielfeld und Hansa Rostock. Nun legt er bei seinem Jugend-Verein als Trainer los. Rene ist ein integrerer Typ, gut für die Außendarstellung. Einer von uns, der die nähere Umgebung der weiten Welt kennt und zu uns passen sollte. Und siehe da, zum Auftakt wurde Fürstenwalde souverän bezwungen. BFC gegen Union 5:0, das klingt gut. Vor allem beeindruckte die Art und Weise, wie die neuen und alten Akteure als Mannschaft auftraten. Gutes Spiel, schöne Tore, bei nahezu freier Platzwahl und bester Sicht. Bald kommen Energie Cottbus, Lok Leipzig und nicht zuletzt der Hamburger SV, gegen den der BFC am 3. September spielt und sein 50. Vereinsjubiläum zelebriert. Vor allem aber geht es in dieser Saison um den Aufbau einer Mannschaft, die ansehnlichen Fußball bietet und im gesicherten Mittelfeld rangiert. Es wird nicht mehr Geld ausgegeben, als vorhanden ist. Die Fans akzeptieren diese neue Bescheidenheit. Am Sonntag steigt das 1. Auswärtsspiel, mit dem Knaller bei der TSG Neustrelitz. Vermutlich rocke ich mit drei Kumpels an die Müritz, um anderthalb Stunden in einem Gästekäfig zu verbringen. Es geht wieder los mit den Rundumfragen, wer im Auto noch ein Plätzchen frei hat. Die Regionalliga ist eine gute, denn da passt so ein Spieltag samt An- und Abreise zwischen Frühstück und Abendbrot.

Schönes dorf mit feld

Schwer was los, tagein, tagaus, aber ich habe selten Lust, hier was per Blog Poetry festzuhalten. Meine letzte Kolumne …

Letzten Montag sollte ich nicht um den Fortbildungstag in einer stickigen Stube am Stadtrand herumkommen. Doch ich bemühte mich, den Trip in das Dorf Schönefeld positiv anzugehen, und so fuhr ich zum dortigen Bahnhof, spazierte aber nicht wie ein Dutzend mal zuvor, links raus zum Flughafen, sondern nach rechts und schlenderte auf einer Umgehungsstraße am Rande eines Feldes entlang. Ich hielt Ausschau nach Tieren, von denen es hieß, sie gelten als ausgestorben, wären neulich jedoch hier gesehen worden. Zum Beispiel der kleine Kaninchennasenbeutler, eine Art Maus mit Pinocchionase. Sah aber nichts, war zu klein. Auch sonst, kein dekoratives Vieh. Im alten Dorf mit Anger und Kirche, in dem ich keine Ziegeldachhäuschen mit dazugehörigen Gehöften erblickte, standen viele moderne Neubauten. Vom nahe liegenden und funktionierenden Teil des Flughafens wiederum merkte ich nichts. Ich genoss das Schönefeld der Ureinwohner. Am Anger nahm ich auf einer Holzbank Platz, die gemütlicher war als diese Metallsitze auf dem Flughafen, deren winzige Lehnen dem müden Reisenden nicht gestatten, sich über drei Sitze lang zu machen. Bald war es an der Zeit, in meinem Superbetrieb zu erscheinen, um den Likör zu verkosten und sich das Rauchen anzugewöhnen. Zum Mittagessen wurde uns das Storchenragout „Ronny“ kredenzt. Ich freute mich schon auf meine Dienstagsschicht in Berlin, bei Wasser und Brot. Die Verabschiedung von den anderen Teilnehmern fiel förmlich bis gar nicht aus. Sie strebten zu den Bussen, die sie nach Zeuthen oder Minsk bringen sollten. Ich hatte keine Kollegen und kaum Dorfbewohner am Hacken und spazierte bei bestem Nickiwetter zum Bahnhof von Schönefeld; teilweise rückwärts gewandt, um Airport Valley möglichst lange in den Augen zu behalten. Und irgendwie sah ich dabei ein bisschen in die Zukunft vom Neubaukomplex des BER. Ich verspreche folgendes: vor den Toren Berlins werden die Business Brothers nicht häufiger abheben als meine Kollegen und ich, zumal sie ihre Computerspielchen übers Netz absolvieren können. Ficken in Brüssel fällt aus. Auf der Endlosbaustelle des BER eröffnen bald unsere Kaufhallen aller Couleur ihre riesigen Filialen. Viele Ausflügler aus nah und fern werden zu versorgen sein. Zur Unterhaltung lanciert ein Brandenburger Schäfer seine Herde vom „Regierungsterminal“ zum „Neuen Terminal“. Eine Runde Reiten vom „Neuen Flugbahnhof“ zum „Tanklager“ kostet 2 Mark. Sollte sich lohnen, denn an der „Südstartbahn“ wurden wieder der tasmanische Beutelwolf und einige Harlekinfrösche gesehen. Das Tier starb aus, das Tier ward wiedergeboren. Auch das alte Dorf Schönefeld, wo man derzeit sicher vor Touristen ist, wird man wiederentdecken.

träum mal schön weiter

Die neue Kolumne wird die letzte im Büchlein sein. Ein Roman, ein Roman …

Auf der Straße ins Glück, von der Arbeit zur Wohnung, lockt eine Plakatwerbung für eine Schreibschule und für die Selbstverwirklichung: endlich den ersten Roman veröffentlichen, einen internationalen Hit schreiben, einen auf Global Player machen! Keine schlechte Idee. Wenn ich zu Hause bin, werde ich duschen und schlafen, um in das letzte Drittel des Tages so munter starten zu können, wie vor Stunden in das erste. Mal eben blitzartig erholen, lange bevor die Kaufhallen schließen, um einen Roman zu schreiben, über ein Thema, das auf der Straße liegt, in der Gasse und auf der Autobahn. Worte an das Volk richten, Hirngespinste vervielfältigen. Das steckt in manch einem Menschen drinnen, Schreiberling zu sein; in anderen Menschen wiederum nicht, die lernen nur instinktiv laufen, das war es schon; die sind auch unsportlich und unmusikalisch. Sozusagen Unmenschen. Das Plakat fordert heraus: „Schriftsteller oder Schabracke?“ Und bitte keine Ausreden, das am Morgen die Arbeit ruft, und am Abend die Familie. Unsere Urväter konnten mit ganz anderen Bedingungen umgehen. Die Wohnungen waren feucht und wenn die vielköpfige Bagage endlich in den wenigen Betten war, wurde in der kalten Küche bei Funzellicht etwas Weltliteratur fabriziert, für Ruhm und Reichsmark. Ich will nicht klagen, obwohl mir das Schicksal die Gnade des dickes Erbes versagt. Immerhin sacke ich das nötige Kleingeld auf andere Art ein, denn vor Jahren sagte ich mir; nichts ist trauriger, als jeden Monat für 1000 Netto lustig sein zu müssen, und was noch trauriger ist: Oft klappt nicht mal das. Ach ja, einen Roman schreiben, der sich mit dem bösen Geschehen befasst, jedoch eine positive Grundaussage verfolgt, mit der sich die hässlichen Kosmopoliten identifizieren können. Gejammert wird genug, Humor ist Pflicht! Aber bitte keine Plattitüden oder Plagiate, und wenn, sich nicht gleich per Klappentext erwischen lassen. Lieber erst kassieren, dann genieren. Stephen King verrät in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“, man erkenne die gelebte Authentizität am beiläufig erwähnten Detail. Er frage sich oft, warum viele Autoren einen auf Horror machen, obwohl ihre Arbeitswelt gruseliger ist. Gutes Buch, das einzige, das ich von ihm gelesen habe, aber ich finde auch die anderen stark. Stephens Schreibkurs ist wohl sein einziges Werk, das nicht verfilmt wurde. Schade. Aber jetzt kommt es: Ich habe vor Jahren schon einen Roman geschrieben, einen Meilenstein, der 1978 als solcher eingeordnet wird. Jetzt muss ein zweiter Roman her, am besten ein erster Hit, so was wie eine Sofortrente; denn nach der derzeitigen Berechnung blüht mir die Altersarmut und auf dem Markt der Flaschensammler habe ich nichts zu melden. Der Literaturbetriebswirt in mir sagt: Krieg, oder doch lieber Frieden.