kriminelle inländer

„Als ich elf Jahre alt war, 1976 im Prenzlauer Berg, befanden sich die beiden Brüder aus dem Nachbarhaus, sowie meine Schwester und ich, oft auf Raubzügen. Wir rupften Briefkästen auf. Ich war der Älteste, ein sehr kulanter Anführer, denn ich teilte unsere Beute in gleiche Teile auf. Wenn in einem Brief ein Zehner steckte, gab ich jedem 2 Mark 50, und wenn in einem Brief 20 Mark steckten, auch.“
Nachdem ich in den letzten Wochen für das nd einige neue Texte ablieferte, griff ich für den heutigen Freitag auf „Als ich 11 war“ aus „Knuts Opa war Nazi“ zurück.

vorkriegsgedanken

Schweiger & Co. sind Leute, die mir mitunter auf den Sack gehen, aber wie sie sich mit ihrem gegenwärtigen Auftreten „gegen die Quote“ positionieren, das verdient einfach Respekt. Was allerdings den „großen Plan“ unserer Politiker betrifft, frage ich mich schon, wie das vergleichsweise kleine Europa, beziehungsweise Mini-Deutschland & Maxi-Britannien, die Probleme einiger Staaten in Asien, Afrika & Europa zu bewältigen gedenken. Für jeden Stadtbezirk einen Görlitzer Park? Vielleicht mal wieder bei Null anfangen und den Afrikanern das Recht einräumen, in ihren eigenen Gewässern zu fischen. Und so weiter, und so fort.

als ich fortging

Gestern war der 12. August, einer der vielen Tage, an denen man vom nie endenden Flüchtlingselend hörte. Heute ist der 13. August, Tag des Berliner Mauerbaus, anno 1961; morgen der 14., ein Freitag mit Gläsers Globus im Neuen Deutschland. Meine aktuelle Kolumne passt eigentlich jeden Tag in irgendeine Zeitung, finde ich.

Im Juli 1989 spazierte ich frisch geduscht und schwer bepackt von Ost- nach Westberlin, auf direktem Weg mit passendem Papier, einige Wochen bevor es mit der Flüchtlingswelle der DDR-Bürger über Ungarn losging. Ich war in einer anderen Gesellschaftsordnung gelandet, aber weil mir die Schnauze nahezu genauso gewachsen war, durfte ich mich willkommener fühlen als ich befürchtet hatte. Das Aufnahmelager in Marienfelde war allerdings belegt, ich wurde mit zwei, drei Kollegen in eine Sporthalle in Lichterfelde verwiesen, die bis zum Ende der Ferien als Notquartier herhalten sollte. Einige Anwohner luden uns zum Abendbrot ein. Ich fühlte mich ausreichend umsorgt, hatte ich doch ohne jegliche Gegenleistung sofort ein Dach über dem Kopf und bekam Essen. Im goldenen Südwesten vom eingemauerten Stadtteil war ich wohl ein kleiner Prominenter. Der Schmus ging mir schnell zu weit, ich wollte auch nicht alle zwei Tage bei entfernten Verwandten im Wedding auf der Couch sitzen und Kaffee trinken. Lieber absolvierte ich mit meinen Kollegen das halbe Dutzend Stationen vom Bundesaufnahmeverfahren und spazierte unter dem Himmel von Schöneberg und Kreuzberg umher. Während der ersten Tage bekam man einige BVG-Fahrscheine in die Hand gedrückt, um die aufgelisteten Ämterwege erledigen zu können, eine Cola to go war noch nicht drin, aber bald würde es 100 Mark Begrüßungsgeld geben, sowie 50 von der Kirche; für was auch immer. In der Intershop-City hatten sie auf uns gewartet. Wir fühlten uns als Edelobdachlose, es ging jeden Tag aufwärts. Allerdings hatten wir nahezu kollektive Bedenken, dass man uns von Amts wegen in ein Aufnahmelager in Westdeutschland verweisen könnte; obwohl der Student, der in unserer Sporthalle als Ansprechpartner oder Pförtner fungierte, betonte, dass man zumindest die Ex-Ostberliner nicht aus der Stadt jagen würde. Auch die Leute aus Ludwigsfelde oder Hennigsdorf dürften ihren Wohnsitz frei wählen, selbst wenn sie vom Amt ein Zugticket nach Gießen geschenkt bekämen, sie müssten das nicht einlösen. Man würde ihnen im Verweigerungsfall höchstens weitere BVG-Fahrscheine vorenthalten; aber am besten wäre es für unsere Kandidaten für Kassel & Co., sofort einen Arbeitsplatz in Berlin klarzumachen. Für junge Ex-DDRler sei das nicht schwierig, die hätten einen guten Ruf in dieser Freaktown. Natürlich könne man auch einen Ehepartner oder einen Mietvertrag vorweisen, wenn einem derartiges leichter fiele – und schon bekäme man einen Berliner Bären auf die Brust tätowiert. In der Sporthalle hausten inzwischen 100 Menschen, das war kein großes Problem. Als ich fort ging, kam ich an, so wie sich viele Menschen wünschen, ankommen zu dürfen. Reines Wunschdenken.

 

„zuhause ist dort …

… wo Wlan ohne Probleme funktioniert“ (Emil, 13). Jawoll, wir sind zurück aus Dalmatien und können Trips von Dubrovnik nach Split zu Wasser, zu Land und zur Luft empfehlen, auch wenn wir das wenigste selber ausprobiert haben. Ich werde keine weiteren 50 Jahre vergehen lassen, um im Land der Teufelsbrüder wieder aufzukreuzen. Hvala.

Tipp für das übermorgige Pokal-Spiel zwischen dem BFC und dem FSV Frankfurt: 17 Uhr 30 an der Kasse in der Cantianstraße sein und nach dem Kartenkauf (Erwachsene 20,-, Kinder bis 14 Jahre 10,-) sofort zum Gegengerade-Mittellinieblock spazieren.

von konstanz nach kroatien

Daniel, mein Verbindungsmann aus der Schweiz, spielte mir einen Link zu, den ich hier gerne weiter verbreite, auch weil er zu meinem neuen Lieblingssaxophonisten Zoot Sims passt, dessen Zwölffach-Alben knapp werden.

aufwärts

Mit einigen Lesebühnen scheint es abwärts zu gehen, was den Publikumszuspruch betrifft. Auch die Jungs von der Chaussee der Enthusiasten haben es in ihrem neuen Domizil schwer, deshalb rechnete ich für gestern Abend mit so was wie einer öffentlichen Probe vor 15 Nasen, zumal bei diesem Wetter. Doch der Frannz war gut besucht, die Schose von Andreas Kampa, der Nachtigall Jan von Im Ich und den vielen Gastautoren recht schwungvoll. Na bitte. Dem neuen Donnerstags-DJ kann man übrigens extrem vertrauen, denn er spielt interessante Musik, arbeitet in der selben Firma wie Ille and I, ist auch gewerkschaftlich engagiert und zockt nach meiner Art und Weise.

zimmerpalmen zu stadionpappeln

Meine drei mickrigen Zimmerpalmen, diese blasgrünen Krüppel, wo die verdorrten Blätter nur ein muffiges Hellbraun von sich geben, bevor sie in den Topf fallen, wo der Sand einen leichten Schimmelansatzes aufweist; diese Zimmerpalmen, die wären außerhalb meiner vier Wände besser aufgehoben, zumal es in Europa keinen Winter mehr gibt; zumindest von den Temperaturen her, nur nach den Kalenderblättern. Draußen, in den Straßen, auf den Plätzen, in den Parkanlagen, da dominiert das saftige Grün. Mir sind meine Pflanzen nur recht und billig, wie meine Wohnung, während auf der anderen Straßenseite den Bewohnern in ihren Superherbergen alles lieb und teuer scheint. Wie es mir inzwischen im Prenzlauer Berg gefällt, werde ich von anderen Ureinwohnern etwas mitleidig gefragt. Schön, ruhig und zentral ist es hier, antworte ich. Die Damen und Herren meiner Wohnungsbaugesellschaft halten die Füße still, es gibt keine Anzeichen, dass sie unser Haus aufmotzen und verscherbeln wollen. Ich lebe im vierten Stock, ohne Fahrstuhl, ohne Balkon, darauf haben die Geldgockel keine Lust. In meinem Haus leben einige Menschen seit über 30 Jahren, auch die neuen Mieter aus den alten Ländern sind leichter zu handhaben als meine Palmen; meine Pfälzerin des Vertrauens wird mich später einmal pflegen, hat sie mir vor Jahren gesagt. Viele langjährige Kumpels haben nicht solches Glück. Vater, Mutter, Kind – da genügt das Geld nicht, wenn nur die Eltern arbeiten gehen. Bei den Wohnungsbesichtigungen im Kiez sind sie als Lehrer und Heilmedizinerin die Asozialen, die sich wohl oder übel in Basdorf oder Birkenwerder ein Haus organisieren müssen. In Prenzlauer Berg treffe ich kaum noch Leute aus den ´70ern, ´80ern und ´90ern auf der Straße. Und wenn ich an einige hier Hängengebliebene denke, so könnten die mit ihrer Spießigkeit genauso gut im Umland brillieren. Der Arbeiterbezirk ist so kaputt wie der Knaackklub, weil wir alte Säcke sind, die schon in den Nullern vieles sausen ließen. Die Jugend wiederum, hat unsere Altlasten nicht nötig, die hopst ungezwungen durch alle Bezirke. Auch ich bin groß und habe lange Beine. Morgen trete ich in Kreuzberg bei einer Künstlersause auf. Der Sound des Prenzlauer Bergs, wie wir ihn aus DDR-Zeiten kennen, ballert immerhin an so manchem Wochenendtag durch die Straßen, wenn der Berliner Fußballclub Dynamo mehr Proleten anzieht als den Umstrukturierungsliebhabern in den Kram passt. Im Friedrich Ludwig Jahn-Sportpark wiegen die Pappeln ihre Kronen zu den Liedern der Anhänger, oder zu einem rockenden Kehrreim der Vier Martinis, der da lautet: „Wir kriegen unser Leben schon irgendwie Rum / wir kriegen unser Leben schon irgendwie Bier / wir kriegen unser Leben schon irgendwie Gin / wir kriegen unser Leben schon irgendwie Klarer.“ Ich bin älter als meine drei Zimmerpalmen zusammen, so alt wie manch halbstarker Baum.

18.07., 19:30 Uhr, „Sprechstunde“, Lesung & Musik mit Ivo Lotion, Robert Klages, Sofie Lichtenstein, Andreas Gläser und anderen, Hoffest in der Skalitzerstraße 100, Kreuzberg.

Ich höre Nachbarn beim Sex zu

Da Jan von Im Ich und ich uns vor Wochen auf der Bühne im Zimmer 16 mopsfidel fühlten, werden wir demnächst wohl ab und zu zusammen zu erleben sein. Und weil wir davon ausgehen müssen, dass der Weltmarkt uns noch nicht zu Kenntnis genommen hat, basteln wir dieser Tage an einem Demo-Silberling für potenzielle Veranstalter, auf dem sich unter anderem unsere gemeinsame Version von Jans Lied finden wird. Siehe auch Termine.