gedanken beim kaffee

Den 1. Mai habe ich in einem Wettbüro verbracht, zumindest für ein Stündchen, und mir Notizen zum drumherum gemacht, für meine nächste Kolumne. Gezockt habe ich nicht, denn das ist jenseits vom Homecomputer doof und unübersichtlich. Ich habe nur interessiert um mich herum gekuckt, auf mehrere Bildschirme gleichzeitig, Manchester United gegen Leicester City; weil ich letztere noch mal als graue Maus sehen wollte, bevor sie zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte englischer Meister werden würden. Habe mit niemandem der 20 humorigen Männer gequatscht, weil ich kein vietnamesisch-französisch-tschechisch beherrsche, obwohl wir das in der Schule lange genug hatten. Lange genug, Herr Gläser! Hat trotzdem gefetzt im Wettbüro, genauso wie auf der Schönhauser Allee, während der Demonstration am 2. Mai, wo der Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen zelebriert wurde. Jawoll, ich war positiv überrascht, dass etwa 333 bunte Freaks und einige graue Fußballer an einem Montag so gute Laune verbreiteten. Bin mäßig gelaunt hin, zu spät und aus der Gegenrichtung kommend, wegen der Opposition; habe viele Freunde getroffen und bei zwei Freibieren, nämlich Störtebecker alkoholfrei, alle ihre Forderung unterschrieben.

Meine letzte Kolumne war übrigens nur eine Single-Version meines Ich-nix-Handy-Textes aus dem Knut-Heft:

Vor Jahren, als ein Gewitter mein Festnetz zerstört hatte, spazierte ich in verschiedene Geschäfte, um mich über Handys zu informieren, denn bisher war ich ein Verweigerer gewesen. Eine Verkäuferin lotste mich zu ihrem Stehtisch und malte eine Tabelle auf: Gesprächsgebühr hier, SMS-Kosten da. Sie roch nach Buletten. Ich wendete mich diplomatisch ab, aber sie sprach ungeniert von Grundgebühren und Laufzeiten. „Ick will nur 15 Euro zahln, für ne Karte.“ – „Warum wollen Sie keinen guten Vertrag unterschreiben?“ – „Weil ick mich nich registriern lassn will, als langhaarijer Bombenlejer!“ Ich bin raus aus dem Shop und ran an einen Imbiss. Der Verkäufer telefonierte, ich unterbrach ihn. „Tach.“ – „Junge Mann, wat soll sein?“ – „Eine türkische Pizza mit Kräutersoße.“ – „Wat noch mal?“ – „Türkische Pizza.“ – „Sie mein ich nich.“ Zwei Gesprächspartnern war er nicht gewachsen. „Zum hier essen.“ – „Sorry, was?“ Ich freute mich auf die Zukunft, in der ich meine Umwelt mit Halbgesprächen belästigen könnte, denn oft genug ergänzten die sich prima. Einer wählte jemanden an und jemand nahm ab. „Hallo!“ – „Ja?“ – „Lieber Micha, es ist aus mit uns.“ – „Liebe Sabrina, das habe ich dir eben per SMS mitgeteilt.“ Auch ich würde fortan wirre Dialoge führen. Wenn ich an nichts Böses dachte, klingelte es und alle machten mit mir Schluss; all die Frauen, die mit ihren langen Fingernägeln nicht klar kamen. „Ja, bitte?“, würde ich fragen und zu hören bekommen. „Es ist Aus mit uns.“ – „Ick kenn dich nich.“ – „Deshalb ja.“ Ich gelte als unfreundlicher Gesprächspartner, schon mein Spruch auf dem Festnetzanrufbeantworter ist nur ein genervtes: „Ja?“ Genauso wie meine leibhaftige Begrüßung. „Ja?“ oder „Ja?“, das macht für den Anrufer keinen Unterschied. Deshalb bekomme ich als erstes oft zu hören: „Bist du es?“ – „Ja, du wirst doch wissen, wen du anrufst, oder?“ – „Ich dachte, das ist der Anrufbeantworter.“ – „Ja, der is och hier.“ Ich müsste mal die Gebrauchsanweisung studieren, um es so einzurichten, dass ich gleich wüsste, wer anruft, um seltener ranzugehen. Jedenfalls landete ich im nächsten Telekommunikationsshop, mit meinem beim Pizza-Mann voll geschlagenem Magen. Ich roch. Ein fescher Berater ärgerte sich mit einem Kunden herum, dem alle Handys zu klein schienen. Nachdem der Mann grußlos gegangen war, warnte ich den Verkäufer, es ginge mit mir so weiter, und hüllte ihn in meine Wolke aus Kräutersoße- und Zwiebelscheibengeruch. Von Skrupeln erfüllt, drehte ich mich etwas weg. Doch er meinte, ich möge doch bitte näher an seinen Tisch treten, und schon textete er mich zu. „Keine Laufzeit, keine Grundgebühr, vor allem kein Mindestumsatz.“ – „Warum?“ Schlaumeier gegen Erklärbär. „Können wir jetzt einen Vertrag machen?“ – „Ja.“

 

2. mai – sei dabei

Noch zweimal schlafen, um bei der Demonstration am Tag der Arbeitslosen dabei sein zu können, die gar nicht mehr so machtvoll ist, weil wir alle irgendwelchen Teilzeit-Jobs nachgehen müssen, die selten eine Perspektive bieten. Was bleibt, ist der Treffpunkt, die Startzeit, der Spazierweg: 13 Uhr, Senefelder Platz – für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

uh-ah-altona

Ein duftes Hamburger Wochenende liegt hinter unserer Reisegruppe, aber die Aufarbeitung überlasse ich Sambamarco & Co.

oh!

„Nie wieder zum Mond / weil sich so was doch nicht lohnt / Ich mach mein Feuerwerk / hier im Prenzlauer Berg“