Kinder von Lichtenberg

Tja, die Zeiten in denen es meine Kolumne umsonst gab, sind wohl vorbei, deshalb hier als Blei-Version.

Ich bin 50 und antworte, wenn man mich fragt, wie ich mich fühle, ich sei gesund und schuldenfrei. Alles in Ordnung. Bloß nicht einen auf Mittzwanziger machen, denn meine Vorlieben sind zeitlos und der Rock ´n´ Roll unsterblich. Was sind wir alt – Oi! Der Haken ist heutzutage nur, ich verkrafte dieses Tanzen und Trinken keine zwei Nächte hintereinander, zumindest nicht zwischen den 200 monatlichen Arbeitsstunden. Der letzte Donnerstag ging gut aus, mit meiner unplanmäßigen Problemberatung gegenüber einem Kumpel in der Kneipe; aber der Freitag, aua. Wir trafen uns beim Langen pünktlich in Lichtenberg zu Bockwurst oder Knacker, was bedeutet, dass es beides gab, sowie Bier und Futschi, und bald darauf spazierte unser Dutzend Szenezombies mit einem Lied auf den Lippen los, mit Kim Wildes „Kids Of America“, denn Kims Konterfei haben wir jeweils in Knopfgröße zwischen den Brustwarzen als Tattoo. „Wir sind die Kinder von Lichtenberg, ohoho, und am Wochenende fahren wir in den Friedrichshain, lalala“. Die Übersetzung stammt vom Dichter, Theatersportler und Frauenhelden Dan Richter. Jedenfalls fanden im RAW-Gefängnis die Auftritte der Rockgruppen Test A, Lucky Punch und Pöbel & Gesocks statt, deren Musiker allesamt Persönlichkeiten sind, denen man vertrauen kann. Ein rauschendes Fest nahm seinen Lauf, mit güldenen Bieren und sonst wie farbigen Schnäpsen. Nicht durchnummerierte 111 Leute freuten sich vor der kleinen Bühne ihres großartigen Lebens, und auch ich hätte es dabei belassen sollen. Doch der Rock ´n´ Roll-Teufel ritt mich auf die Bühne, auf der ich, meine ich, zum Schlager „Oi! Punk pervers“ eigentlich nur kurz herumzustehen gedachte, was in diesem Kulturkreis nicht mit versuchtem Totschlag seitens der Sicherheitskräfte honoriert wird, sondern mit der Mikrofonübergabe des Sängers. Ich sagte zwei Tage später zum unscharfen Beweisfoto des berühmten BFC-Fans namens Lokalmatador zwar, ich hielte da nur eine Bierflasche vor dem Mund, doch der Mikrofonständer zwischen meiner Faust und den Füssen gab mir Unrecht. Oh je, was hatte ich da gesungen? Der Lichtenberger Lange und seine Crew konnten sich an nichts erinnern, auch nicht an den anderen Teil der Wahrheit, wonach ich auf der Bühne den mir körperlich überlegenen Sänger, dem langen Elend Willy Wucher, um die Oberschenkel packte und der Erhebung in den Olymps wegen für einen Moment gen jenen bewegte, was zumindest beim zweiten Versuch klappte. Welch Triumph! Doch mein Rücken und ich können derartige Faxen nicht empfehlen. Ich bin 50, trage kein „Helfen Sie mir über Straße“-Shirt, möchte aber ab und zu vor mir beschützt werden; zumal nach meiner letzten Erinnerung an jene Nacht, kurz bevor ich aus der Bahn ausstieg, in selbiger eine Frau vor mir flüchtete.

1998, guter Jahrgang

Meine ND-Kameraden weilen samt IT-Abteilung in Leipzig, deshalb gibt es meine heutige Kolumne auf diesem Wege.

Alle Jahre wieder treffen sich in der Messe-Meister-von-Morgen-Stadt Leipzig die Buchverleger, Lektoren, Vertriebsfritzen, Schreibschulenstreber und das sonstige Füllfederhaltervolk. Ich finde derartige Werkschauen der Groß- und Gernegroßverlage blöd, da ich ein Fanzine-Fabrikant bin. Ich komme zwar aus dem Leseland DDR, habe einige real existierende Klassiker gelesen, glaube aber nicht an den schreibenden Arbeiter oder den singenden Hartz-Revoluzzer. Ich halte im Literaturbetrieb eher zu den Schmuddelkindern. Vor 20 Jahren stieg ich in die Szene ein und wirkte am Berliner Mini-Magazin „Der Zonenzombie“ mit, in dem es um Fußball und Punk ging; allerdings ohne dabei den Schleichweg in den Zeitschriftenhandel ausfindig machen zu wollen. Wir waren stolze Proleten, schreibende Arbeitslose. So um 1998 stieß ich in Prenzlauer Berg auf die Social Beat-Bewegung, dieser literarischen Bukowskibrigade. „ Der Störer“ hieß das Zentralorgan des Protagonisten Dahlmeyes, der mit anderen Leuten eine handvoll Festivals organisierte, deren Veranstaltungen alle super besucht wurden. Endlich schien ich einen Bruchteil der Literaturuntergrundspielchen nachholen zu können, welche ich in den 80ern als Werktätiger völlig verpeilt hatte. Die Leipziger und Frankfurter Buchmessen interessierten mich nicht, ich bin mit einigen Freunden nur nach Leipzig gefahren, weil es eine Gegenveranstaltung zur Messe geben sollte, in Connewitz-Kuckuck, im Werk 2, Halle 5. Es war ein Treffen von Autoren, die sich gegenseitig ihre Hits vorlasen. Christian Wolter, der heutzutage mit Sachbücher über Fußballstadien auffällt, und ich, kolportierten, wir seien die Modern Talking des Social Beats. Unser Chauffeur namens AnDieZone freute sich, dass sein Gedichtband „Der Tänzer“ auf dem Büchertisch das meistgeklaute Produkt war. Nach der Geisterstunde mit der passenden Grunge Band wollten wir bei unseren befreundeten Wohngemeinschaftlern vom Fußballpunkyzine „Melk die fette Katze“ übernachten. Da niemand zuhause war, brachen wir ein, was normal zu sein schien; zumindest außerhalb meiner gemütlichen Hauptstadt. Am nächsten Vormittag durchstreiften wir die Messehallen nur kurz und befanden sie für unsexy. Am interessantesten wäre es gewesen, dem Hausmeister das große Schlüsselbund zu klauen und alle Türen abzuschließen, damit die gesammelten Altlasten des Literaturbetriebes für einige Überstunden, besser noch Tage oder Wochen, in ihren Zombiehallen versauern mögen. Jahre später landete ich im offiziellen Literaturbetrieb, wusste es aber zu vermeiden, in den Messehallen auch nur eine Zeile vorzulesen. Es sollte lieber die Moritzbastei sein, aber das ist eine andere Geschichte.

Tipp für heute: Eine Kostenuhr für die Bewerbung der Olympischen Spiele in Berlin installieren. Siehe auch BER-Kostenuhr.

Mensch Gläser …

… machste jetze einen auf Stein, oder wat? Hm. Habe letzten Dienstag gegen 21 Uhr 30 einen Anruf von Spider bekommen, wo ich denn bliebe, da LSD gleich los ginge. Autsch! Ich habe LSD vergessen, mich verplant, alles verpeilt – mit einer Madame im Baiz drei Brausen getrunken. Der Lesebühnentermin stand hier wochenlang unter, jawoll,  Termine, wo ich nicht so oft nach sehe, dafür aber nicht in meinem volkstümlichen Kalender. Sorry. Bin auf dem 1. Arbeitsmarkt so´n Schichtsurfer. Kurze Nacht, einen Tag frei, langer Tag, halber Tag frei, lange Nacht und für einen ausgefallenen Kollegen einspringen. Immerhin kriege ich noch meine wöchentliche Kolumne gebacken. Und zwecks sonstiger Zetteleien gelobe ich Besserung.

Muckefuck statt Brause

Meinen heutigen Gastauftritt bei den Brauseboys musste ich absagen, da ich auf Arbeit für einen Kollegen einspringe, was irgendwie okay ist, da die Herrschaften dort auch Verständnis für meinen Schichttausch wegen einem Theaterstück haben.

Nächstes Brause-Date: 2. April.

Wer ist Ron Hill?

Ich absolvierte gestern Abend auf der schönen Insel Irland Stralau in einem italienischen Restaurant eine Solo-Lesung vor den Mädels und Jungs vom Laufsportverein Ron Hill. Die Stubenjüngste war gelangweilt, wie sie mir ehrlich unter sechs Augen sagte, und ein etwas über 70jähriger hielt mit seiner Kritik auch nicht hinterm Berg – aber insgesamt gestaltete sich die Angelegenheit recht kurzweilig. Nach meiner ersten halben Stunde, die cirka 50 Minuten dauerte, fanden sich alle Besucher zur zweiten Halbzeit ein. Ja, es war eine dufte Show, wenn auch kein Vergleich mit dem Fest von Heinz-Florian Oertel. Yo, Digger! Ansonsten findet sich ein Textchen von mir im heutigen ND, im Papierprodukt, nicht im Intrigennetz. Sind wohl viele EDV-People im Urlaub. Deshalb hier der Brief eines kanadischen Bürgermeisters an muslimische Eltern.

gegen das vergessen

Seit 1998 bin ich bei den Lesebühnen mehr oder weniger dabei. Gerne. Doch den letzten anstehenden Auftritt habe ich schlichtweg vergessen, den am Sonnabend beim Kantinenlesen. Neulich. Schade. Muss gut gewesen sein, bei der Besetzung. Und? Ich war am Nachmittag im Sportforum Hohenschönhausen beim Testspiel zwischen dem BFC Dynamo und Lokomotive Leipzig. Es ging vor 1400 Zuschauern 1:1 aus. Leider gab es in der Nachspielzeit nur einen Freistoß an der Strafraumgrenze, keinen ´80er-Jahre-Gedenk-Elfer vom uminösen Punkt in der 96. Minute. Tja, ich habe nur auf ein Bier im Vereinsheim vorbeigeschaut, wäre für die 20-Uhr-Lesesause allemal fit gewesen. Ich war weder mit Oi! The Max bei Infa Riot, irgendwo in Kreuzberg, noch bei Katjas Geburtstagsschubidu in Prenzlauer Berg. Ich war auf Arbeit in Mitte, und zwar 7 Stunden vor meinem Dienstbeginn, weil dort ein lustiger Kollege seinen Ausstand gab, und dann habe ich in dem Theater gleich geschlafen, auf der Brecht´schen Liege, um pünktlich zu meiner 12-Stundenschicht zu erscheinen, während der ich in meinem Geburtstagsgeschenk von vor knapp zwei Wochen las. Tja, diese Neuordnung des Jobs beschäftigte mich schon sehr, aber nun habe ich diese Faxen hinter mir; werde für Gläsers Globus auch wieder neues Material abliefern, nicht nur einen Knut-Baustein, wie letzten Freitag.

Tipp für den 5. Februar: Gläsernikovs Solo-Lesung.

Was macht eigentlich Heintje?

Nicht das nichts los ist, oder ich keine Meinung hätte. Ich kritzelte auch irre Notizen auf meine Zettel, aber brauchbar für die Kolumne im Neuen Deutschland sind sie nicht. Gut, geradezu super, dass ich mir dessen bewusst bin und zwecks Planerfüllung auf 111 Geschichten zurückgreifen kann, die cirka 1001 Episoden a 3000 Zeichen hergeben; zum Beispiel die Heintje-Episode aus dem 2. von 4. Teilen aus der Titelgeschichte von DJ Baufresse. Hier im ND-Gewand.

Wissenswertes aus dem 13. Stockwerk

Bei der gestrigen Reformbühne, die insgesamt toll war, las Falko eine Science Fiction-Story vor, die er cirka 1983 geschrieben  hatte, als etwa 16jähriger.  Deshalb erzählte ich in der Anmoderation meiner Geschichte von einem Gedicht, dass ich in den ´80ern verfasste, zu Ehren unseres verblichenen Hamsters; wobei ich das aber nicht zusammen bekam, außer die letzte Zeile zum Wellensittich, und versprach, es an dieser Stelle nachzuliefern, da ich neulich diese Zettelei zu Hause in einem Karton fand. Nun ja, es ist sogar eine kleine Bildergeschichte, mit blauen Kugelschreiber auf gelben Papier. Hm. Die Bilder werde ich irgendwann nachliefern, der Text geht schon mal so:

Mucky wird immer blasser, denn er hat kein Wasser. Da hilft weder Brille noch Sonnenschirm, ihm rinnt der Schweiß von der Stirn. Die liebe Sonne lässt Mucky keine Luft zum Atmen. Der Teufel tut schon auf Mucky warten. Die Sonne verschwindet im Abendrot, Mucky ist schon lange tot. Morgen wird es wieder warm, da kann die Sonne Steffi haben.