träum mal schön weiter

Die neue Kolumne wird die letzte im Büchlein sein. Ein Roman, ein Roman …

Auf der Straße ins Glück, von der Arbeit zur Wohnung, lockt eine Plakatwerbung für eine Schreibschule und für die Selbstverwirklichung: endlich den ersten Roman veröffentlichen, einen internationalen Hit schreiben, einen auf Global Player machen! Keine schlechte Idee. Wenn ich zu Hause bin, werde ich duschen und schlafen, um in das letzte Drittel des Tages so munter starten zu können, wie vor Stunden in das erste. Mal eben blitzartig erholen, lange bevor die Kaufhallen schließen, um einen Roman zu schreiben, über ein Thema, das auf der Straße liegt, in der Gasse und auf der Autobahn. Worte an das Volk richten, Hirngespinste vervielfältigen. Das steckt in manch einem Menschen drinnen, Schreiberling zu sein; in anderen Menschen wiederum nicht, die lernen nur instinktiv laufen, das war es schon; die sind auch unsportlich und unmusikalisch. Sozusagen Unmenschen. Das Plakat fordert heraus: „Schriftsteller oder Schabracke?“ Und bitte keine Ausreden, das am Morgen die Arbeit ruft, und am Abend die Familie. Unsere Urväter konnten mit ganz anderen Bedingungen umgehen. Die Wohnungen waren feucht und wenn die vielköpfige Bagage endlich in den wenigen Betten war, wurde in der kalten Küche bei Funzellicht etwas Weltliteratur fabriziert, für Ruhm und Reichsmark. Ich will nicht klagen, obwohl mir das Schicksal die Gnade des dickes Erbes versagt. Immerhin sacke ich das nötige Kleingeld auf andere Art ein, denn vor Jahren sagte ich mir; nichts ist trauriger, als jeden Monat für 1000 Netto lustig sein zu müssen, und was noch trauriger ist: Oft klappt nicht mal das. Ach ja, einen Roman schreiben, der sich mit dem bösen Geschehen befasst, jedoch eine positive Grundaussage verfolgt, mit der sich die hässlichen Kosmopoliten identifizieren können. Gejammert wird genug, Humor ist Pflicht! Aber bitte keine Plattitüden oder Plagiate, und wenn, sich nicht gleich per Klappentext erwischen lassen. Lieber erst kassieren, dann genieren. Stephen King verrät in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“, man erkenne die gelebte Authentizität am beiläufig erwähnten Detail. Er frage sich oft, warum viele Autoren einen auf Horror machen, obwohl ihre Arbeitswelt gruseliger ist. Gutes Buch, das einzige, das ich von ihm gelesen habe, aber ich finde auch die anderen stark. Stephens Schreibkurs ist wohl sein einziges Werk, das nicht verfilmt wurde. Schade. Aber jetzt kommt es: Ich habe vor Jahren schon einen Roman geschrieben, einen Meilenstein, der 1978 als solcher eingeordnet wird. Jetzt muss ein zweiter Roman her, am besten ein erster Hit, so was wie eine Sofortrente; denn nach der derzeitigen Berechnung blüht mir die Altersarmut und auf dem Markt der Flaschensammler habe ich nichts zu melden. Der Literaturbetriebswirt in mir sagt: Krieg, oder doch lieber Frieden.

ging elvis in den konsum?

He, he! Eine Kolumne ohne König Fußball, dafür mit King Elvis.

Früher, wenn meine Oma ihre „Thüringer Allgemeine“ las, sagte sie, mal gucken, wer nicht mehr in den Konsum geht. Damit meinte sie die Leute des kleinen Städtchens, die in den Todesanzeigen auftauchten. Ich bekam manche Episode zu hören, über jemanden aus dem fernen Bekanntenkreis, der nun nicht mehr war. Dieser Teil ihrer Zeitungsschau hatte nichts Dramatisches, denn wenn sich ein altes Haus verabschiedete, sagte meine Oma, sollte man die Kirche im Dorf lassen. Auch wenn es traurig sei, wenn ein Mensch starb, oder sogar 1,76 Menschen, wie es statistisch gesehen pro Sekunde der Fall sein soll. Selbst um die Prominenten müsse man nicht übermäßig jammern, die hätten immerhin ein erfülltes Leben gehabt. Im hinteren Teil der „Thüringer Allgemeinen“ wurden die Sternchen des Kosmos von Apolda betrauert, die es auch mit ihrem Ableben nicht auf die Titelseiten der überregionalen Ausgabe geschafft hatten. Und wenn sich in den 70er und 80er eine Berühmtheit aus Funk und Fernsehen verabschiedete, so war das selten einer meiner Helden gewesen. Doch mein Kumpel Florian Ludwig, der das Buch „Mit Fußfesseln bin ich nicht so flott“ geschrieben hat, betitelte einen seiner Texte mit: „Die Einschläge rücken näher.“ Darin geht es um die Verabschiedungsszenarien um unsere coolen Rock‘n‘Roller, die nur wenige Jährchen Vorsprung haben und uns mit ihrem Ableben, oftmals sogar auf natürliche Weise, ins Bewusstsein hämmern, dass wir eines baldigen Tages dran sind. Wenn unsere Helden das Zeitliche segnen, werden sie von Millionen Erdenmenschlein betrauert, die Anteilnahme nimmt inflationäre Züge an. In jedem Internetforum scheinen selbst die bis dato Ahnungslosen dem Verstorbenen ein „Ruhe in Frieden“ hinterherzufurzen. Plötzlich erinnert jeder Song, jeder Film, an die eigene Jugend. Medial wird das Leben vom guten alten Rockgaul oft überhöht, fast schon bis zur Heiligsprechung; er sei derjenige gewesen, der die Musikwelt am meisten inspirierte und alle Rekorde aufgestellt hätte. Wenn ein Schauspieler gestorben ist, schreibe ich lieber nicht solch Episödchen ins Netz, dass er mich an einen Kino-Nachmittag erinnert, den ich erst belustigend fand, als ein genervter Gast sich vorzeitig durch ein großes Tor an der Seite des Saals verabschiedete, worauf es weiterhin offen stand, das Sonnenlicht die Leinwand überstrahlte und viele Kinder in Aufregung versetzte. Jedenfalls blüht einigen meiner jahrzehntelangen musikalischen Favoriten dieser Hokuspokus auch, wenn sie nicht mehr im Stande sein werden, die „Thüringer Allgemeine“ aus dem Briefkasten zu holen. Dabei glaube ich, dass man als alter Knochen während seiner letzten Atemzüge am unendlichen Dasein so uninteressiert ist, wie während seiner frühen Kindheit. Das wäre auch schön.

nach der euro ist vor der regio

Ich bin ziemlich optimistisch, dass das BFC-Urgestein Rene Rydlewicz bei seinem alten & neuen Verein einiges bewegen kann, nicht nur weil er im Hansa-Bus mein Debüt gelesen haben soll, wie mir die Hansa-Legende Rainer Jahros in der Rostocker Thalia Buchhandlung am Rande einer Lesung mit Willmann anno 2004 süffisant mitteilte. Ich erwarte für die neue Saison ansehnlichen Fußball, von einer Mannschaft, die sich mit dem BFC identifiziert. Dank unseres duften Fußballkunstlehrers.

Tipp: 9.7., 14 Uhr 30, BFC Dynamo gegen Chemnitzer FC, Testspiel im Sportforum Hohenschönhausen.

zum zehnjährigen

Mehr als die Kürzung eines zehn Jahre alten Textes auf Kolumnengröße habe ich diese Woche nicht zustande bekommen. Hurling, Folk and Revolution, beziehungsweise Auf den Feldern von Athenry, passt immerhin zum Einzug der Fußball-Iren ins EM-Achtelfinale. Wer den Text in voller Länge lesen will, bekommt ihn und 33 andere in meinem Zweitwerk nahezu zum Grabbel-Ex- und Portopreis.