neues vom alten

Schön, oder auch nicht, wenn der Alltag die Vorlage für eine Kolumne liefert. 🙂

Zur Kindergartenzeit unseres Sohnes war es aufregend, manchmal ein bisschen gefährlich, wenn er mit seinem hölzernen Beil in der Wohnung unterwegs war. Doch als unser Indianer zum Fußballer wurde, wurde das dekorative Beil, immerhin täuschend echt aussehend, auf dem Korridor platziert. Ich wollte mich einem eventuellen Einbrecher wohl oder übel entgegen stellen. Denn auch in unserem Bilderbuchbezirk ist die Kriminalität ein wiederkehrendes Thema. Vor einigen Tagen waren zu früher Morgenstunde, so gegen 5 Uhr, mindestens drei Männer unterwegs gewesen, die unsere Hochparterrewohnungen besichtigten. Die sind auf manch Fensterbrett geklettert und leuchteten mit ihrer Funzel in das jeweilige Zimmer. Ein mutiger Bewohner wurde aufmerksam, knipste das Licht an und verscheuchte die Bande, in welcher Art und Weise auch immer. Die schleunigst herbei gerufene Polizei kam zu spät. Keine Ahnung, was die Freunde und Helfer um diese Zeit so treiben. In meinem Haus dudeln da eigentlich schon die Frühstücksradios. Hier strömt das Wasser aus der Dusche, dort blubbert es in der Kaffeemaschine. Manch Bewohner begrüßt den neuen Tag mit einer kleinen Lichtshow, mittels erleuchteter Fenster. Das heißt für die Diebe sozusagen Schichtende, aber die sind wohl keine richtigen Nachtarbeiter mehr. Vor wenigen Jahren kam es vor, dass ich zwischen 1 und 4 Uhr aus dem Bett springen musste, um zum Fenster zu eilen und einen Teil unseres verzichtbaren Haushalts auf den dunklen Gehweg zu werfen; weil ich nicht nur geträumt hatte, dass sich jemand an den Rädern zu schaffen machte. Nun lagern auf dem Fensterbrett einige hölzerne Figuren. Dekorative Urlaubsandenken wie der Rübezahl aus dem Riesengebirge. Zwar streiten sich die Gelehrten, ob es den wirklich gibt; aber ich weiß, wenn ich einen der drei Einbrecher mit dem Rübezahl treffe, gibt es von diesen Arschlöchern nur noch zwei. Ich habe meinen Nachbarn aus dem Hochparterre angeboten, mich anzuklingeln, denn wir seien beide Frühaufsteher, Handwerker und Protagonisten der deutsch-türkischen Freundschaft. Doch er meinte nur, dass er schon wisse, was für Idioten das seien; jedenfalls keine Deutschen, die arbeiten gingen. Und was die überhaupt bei uns suchen, denn wo es weder Fahrstühle noch Dachetagenwohnungen gäbe, lagerten doch keine Juwelen. Ich muss mich nach anderen Mitbegründern unserer autonomen Prenzlauer-Bergwacht umsehen. Mein Nachbar meinte jedenfalls noch, dass bei einem seiner Kollegen zwei Einbrecher am frühen Morgen im Kinderzimmer gestanden hätten. Man bemerke das oft gar nicht, wenn die eindringen. Deshalb nehme ich das schöne Beil neuerdings mit ins Bett.

blackland

Heute soll eine dufte Session in Teddytown steigen, bei der nicht gelesen wird, sondern der Metalhead mit dem Jazzfratz kommuniziert. Bin gespannt, auch darauf, wie ich morgen zur Schicht schlurfe. Der Totensonntag interessiert mich nicht.

Zugabe.

spree vom weizen

Meinen gestrigen Gastauftritt bei der Kreuzberger Bühne Spree vom Weizen musste ich nicht groß ankündigen, denn der olle Ritte-Butzke-Laden war erwartungsgemäß gut besucht worden, von 222 jungen, lustigen, aufmerksamen Leuten – dank des Diskokönigs Wolf Hogekamp und seinen Jüngern. Das ich das noch erleben durfte und danach bis Dienstag ausschlafen darf.

Zugabe.

pünktlicher als der gevatter

Mein wohl schönstes Ferienerlebnis hatte ich am letzten Freitagabend, als ich beim Drittligaspiel von First Vienna gegen Austria II in der Naturarena Hohe Warte war. Darüber schweigt die Lügenpresse natürlich wieder. Die Kolumne von heute …

Ich bin nach einer auswärtigen Urlaubswoche wieder im Lande und gehe, wie man so sagt, vor dem Aufstehen aus dem Haus, um in der Dämmerung zurückzukehren. Die liebe Arbeit. Am Abend knipse ich das Licht nicht an, denn so habe ich noch etwas von meinem Trip nach Wien, der etwas dunklen Metropole, in der der Tod ein größeres Thema als hier zu sein scheint. Ich las in den dortigen Zeitungen und Zeitschriften oft etwas über den gefürchteten Gevatter. Mal ging es um eine Sammelbilderbörse für Friedhofsblumen, dann um eine Statistik rund um den Strick, oder um ein Sargmuseum. Ich war wohl gar nicht richtig in Wien, weil ich es versäumte, den Zentralfriedhof zu besuchen. Nun gut, mir war es auch so ruhig genug; schon im Nachtzug, der um 19 Uhr aus dem Berliner Hauptbahnhof rollte. In meiner Kabine waren zwei Wiener, die sofort ihr Bettchen machten und sich hinlegten. Schade, keine Bierbüchsenparty unter Stehern im kalten Licht auf dem Gang des Reiseexpresses. In Wien angekommen, suchte ich mein Hotel mit der Hausnummer 11, doch ich sah nach der 10 nur eine Baustelle. Das Hotel war wohl schon abgerissen worden, sozusagen tot. Doch die 10 an jenem Hause stand für den Stadtteil, für den Bezirk Favoriten, in dem ich gut untergekommen bin. Ich habe mich auf die Socken gemacht und bin dem Tod entkommen, oder zumindest den Mutanten, mit denen ich während meiner Exkursionen ein bisschen rechnete. Zu einem Fußballspiel am vom Touristen nicht gerade stark frequentierten Stadtrand war ich an jenem Donnerstag sozusagen 24 Stunden zu früh erschienen, anderseits genau richtig, denn im Irish Pup gegenüber vom Stadion war Burger-Tag und Kilkenny-Nacht. Zwei Tage darauf sollte auf der Galopprennbahn nahe des Praters eine Veranstaltung steigen, dachte ich. Sonnabend, 29. Oktober, 15 Uhr, großer Preis vom kleinen Peter. Ich kam dem Ort immer näher, stand alsbald fast persönlich auf der Bahn, doch ich vermisste das amüsierwillige Volk. Als ich im Netz nachsah, fiel mir die Jahreszahl auf – oh, ha! Vielleicht eilte ich dem Tod voraus und kam deshalb um den Dolchstoß am Donaukanal herum. Das lief wohl unter Heimweh, die Art und Weise, mit der ich mein Programm so übereilt absolvierte. Wahrscheinlich auch aus Vorfreude auf die Preise in Berlin, in der es einen Eimer Kaffee noch für 10 Euro gibt, während in Wien so eine Eierbecherration, na, ich will mich nicht aufregen. Ich genieße den Feierabend, wandele durch dunkle Zimmer und ziehe den Kopf ein, obwohl nur das Hochbett meines Thronfolgers niedriger als 1,75 ist. Irgendwann werde ich im fernen Wien ein Fußballspiel von der Friedhofstribüne aus sehen; spätestens am Wochenende des Galopprennens, am 29. Oktober 2017.