Spoke zu Pille

“Ich würde gerne einen Computer mit ihren Denkstrukturen konstruieren. Die daraus resultierende Sturzflut von Unlogik wäre interessant.”

Meine erste Schönheits-OP

Meine Kolumne für das morgige ND ist ein Text, den ich am letzten Montag schrieb. Deshalb hatte ich heute ungewohnterweise dreifach frei, sowohl als Minifamilienvater, Theatermann als auch als Schreiberling. Hurra, hurra!

Uninteressiert, ob mein Kehlkopf zu weit herausragt oder sonst wie der Norm nicht entspricht. Hauptsache diese Knorpelbeule findet sich frontal zwischen Kinn und Brustbein, und nicht irgendwo an der Seite. Mein Kehlkopf ist wunderbar, aber vor einigen Monaten bemerkte ich erstmals, dass am Hals, an der Steuerbordseite, etwas zunehmend herausragte, was nach Schmerzen aussah, vor allem wenn ich unter Alkoholeinfluss euphorisch vor mich hin pulsierte. Ich wurde zu meinem autonomen Eigengewächs befragt, ob ich es schon untersuchen lassen habe. Gute Idee, denn Jahrzehnte zuvor sah ich auf der Straße einen Mann im besten Alter, dem am Hals nicht nur eine zweite Kehle zu wachsen schien, sondern eine Nase, und die sah nicht gesund aus; sie war auch für mich ein kleines Trauma. Also ließ ich mich von der Hausärztin zum Chirurgen überweisen, denn das Ding ging mir zunehmend auf den Kranz und gegen den Kragen. Es wurde abgescannt und als gutartig eingeordnet, mein seltsames Fettpolsterchen, das Lipom, welches leicht zu entfernten wäre. Immerhin arbeite ich in der Öffentlichkeit, im Empfangsbereich des britischen Theaters, sowie auf lausigen Lesebühnen. Es hieß, ab auf den OP-Tisch, für eine Prozedur, die ich selber zu zahlen hätte, falls mein blümeranter Brief über psychische Belastungen an die Krankenkasse keine Kostenübernahme nach sich zöge. Wer schreibt, der bleibt. Schuldenfrei, hoffe ich. Habe mir jedenfalls bei örtlicher Betäubung das Lipom entfernen lassen und mit den Medizinern währenddessen über die Anstrengungen der Halsmuskulatur beim Saxophonspiel geredet, oder um es mit Helge Schneiders Worten zu sagen: „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich vom Herrn Professor Doktor operieren zu lassen.“ Die verordneten Schmerztabletten nahm ich nur anfangs, weil nichts puckerte oder klapperte. War ein Soli-Fünfer für die Apotheke. Bin nun krankgeschrieben, bis zur Wundkontrolle, wo mein weißes Riesenpflaster, welches eine Kriegsverletzung vermuten lässt, gegen ein buntes Kinderpflaster getauscht wird; denn so kann ich im Theater niemandem positive Impulse unterjubeln. Außerdem verselbstständigt sich das Pflaster mehr und mehr, da es von den sprießenden Bartstoppeln abgesondert wird. Sieht asozial aus. Bin auf die kleidsame Narbe gespannt, die ich während der Nicki-Monate demonstrieren kann. Werde eine Geschichte erzählen, vom Obst- und Gemüseladen und dem Verkäufer mit dem glühenden Kuhfuss; den ich kritisierte, da seine Preise für normale Umlanderzeugnisse an die für die Kuriositäten aus dem Weltall erinnern. Ehrlich gesagt, mein Steuerbordohrläppchen fühlt sich seit der OP auch an, als wäre es einem heißen Eisen begegnet. Zumindest merke ich dort kein eindeutiges Kneifen, wenn ich es mit Klammern garniere. In dem glutroten Gulaschstückchen, was aus meinem Hals entfernt und mir als Andenken zum mitnehmen angeboten wurde, war wohl ein Nerv vom Ohrläppchen.

Grenzstadtkurier

Daniel aus der Schweiz ist mit der neunten Ausgabe seines Grenzstadtkuriers am Start, dem oldshool Fanzine des FC Kreuzlingen. Für 10 Franken gibt es sage und schreibe 108 dufte A5-Seiten. Historisches Material in Wort und Bild, zum Aufstieg des Bodenseer FCK in die 1. Liga im Jahre 1938. Des weiteren Fotos vom Dulwich Hamlet FC, Stadionarchitektur der ´20er Jahre, FC Nordstern Basel, The Seagulls Roar-Propaganda … Und nicht zuletzt räumte mir mein Schweizer V-Mann sehr viel Platz ein, von der Story “Schöner Singen” und einer ausführlichen Besprechung zur Knut´schen Dreifachveröffentlichung bis zum Tagebuch meiner letztjährigen Mini-Tour. Danke Daniel! Kontakt, Bezug, Lob über The Seagulls Roar.

schön war die zeit

Nahezu volles Haus, ziemlich dufte Stimmung, gestern im Museum am Kottbusser Tor. Hatte ich auch nicht anders erwartet für die gestrige Lesung mit Gottes Kumpel Ahne. Thema: Gentrifizierung. Dazu fanden sich mehr Texte als wir zuerst dachten. Eigentlich hatten wir nur Texte zum Thema und könnten damit den deutschsprachigen Raum rocken, wenn, ja wenn. Und nach den schönen Stunden im FXDingens gab es noch zwei Gedenkbrausen im Trinkteufel, der in der jüngeren Vergangenheit von polnischen Nazi Punks heimgesucht worden sein soll, wie ein glaubwürdiges Kreuzberger Ur-Gestein zu berichten wusste. War aber gemütlich, in der Gaststätte, in der ich Mitte der Neunziger immerhin eine betriebliche Weihnachtsfeier erleben durfte, für eine Firma, über die ich im heutigen ND einen Text verewigen konnte. Aufräumen in Kladow, abreißen in Köpenick findet sich ungekürzt in DJ Baufresse, meinem 2006er Werk, welches jetzt bei Amazon & Co. noch nicht so teuer ist wie mein Debüt. Und wie ich vielleicht schon mal verraten habe, handelt es sich beim Trinkteufel immerhin um die Kneipe, in der ich damals das unverbrauchte Wörtchen “Baufresse” aufschnappte, welches von der Tresenteufelinne stammt, die einen Gast anschnauzte, als jener zu höflich ein Bier bestellte, worauf er zu hören bekam: “Ne Baufresse biste nich, wa, quatsch lauter!”

Baiz bleibt … woanders

Wegen dem morgigen Karfreitag dreht sich mein Globus zwar nicht, da dass nd nicht erscheinen wird, aber ein Minitext findet sich am Sonnabend oder Montag in dieser Zeitung. So in etwa: Wenn Sie sich fragen, was Jochen Wisotzki, also einer der Regisseure des Endachtziger  Kinoklassikers “Flüstern und schreien”, heutzutage produziert, kann hiermit folgender Veranstaltungstipp für den Ostermontag gegeben werden: 20:00 Uhr, Kino Babylon-Mitte, Premiere des einstündigen Dokumentarfilms “BAIZ bleibt … woanders”. Es geht um den kollektiven Kneipenumzug vor einigen Monaten, vom alten zum neuen Standort, der mittels einer Kette von 600 Menschen absolviert wurde; um das Überleben einer kulturellen Nische mit volksnahen Preisen in Prenzlauer Berg. Viele Künstler und Trinker der Kultur- und Schankwirtschaft fungierten als Umzugshelfer, da der Pachtvertrag am alten Standort vom neuen Hauseigentümer nicht verlängert wurde. Ein Kollektiv aus Betreibern und Gästen wusste auch die neue finanzielle Herausforderung zu stemmen. Nun heißt es ausgerechnet in der Nähe des Kollwitzplatzes: “BAIZ – kein Becks, kein Latte, kein Bullshit”.

Tipp für heute: Brauseboys.

Kinder von Lichtenberg

Tja, die Zeiten in denen es meine Kolumne umsonst gab, sind wohl vorbei, deshalb hier als Blei-Version.

Ich bin 50 und antworte, wenn man mich fragt, wie ich mich fühle, ich sei gesund und schuldenfrei. Alles in Ordnung. Bloß nicht einen auf Mittzwanziger machen, denn meine Vorlieben sind zeitlos und der Rock ´n´ Roll unsterblich. Was sind wir alt – Oi! Der Haken ist heutzutage nur, ich verkrafte dieses Tanzen und Trinken keine zwei Nächte hintereinander, zumindest nicht zwischen den 200 monatlichen Arbeitsstunden. Der letzte Donnerstag ging gut aus, mit meiner unplanmäßigen Problemberatung gegenüber einem Kumpel in der Kneipe; aber der Freitag, aua. Wir trafen uns beim Langen pünktlich in Lichtenberg zu Bockwurst oder Knacker, was bedeutet, dass es beides gab, sowie Bier und Futschi, und bald darauf spazierte unser Dutzend Szenezombies mit einem Lied auf den Lippen los, mit Kim Wildes „Kids Of America“, denn Kims Konterfei haben wir jeweils in Knopfgröße zwischen den Brustwarzen als Tattoo. „Wir sind die Kinder von Lichtenberg, ohoho, und am Wochenende fahren wir in den Friedrichshain, lalala“. Die Übersetzung stammt vom Dichter, Theatersportler und Frauenhelden Dan Richter. Jedenfalls fanden im RAW-Gefängnis die Auftritte der Rockgruppen Test A, Lucky Punch und Pöbel & Gesocks statt, deren Musiker allesamt Persönlichkeiten sind, denen man vertrauen kann. Ein rauschendes Fest nahm seinen Lauf, mit güldenen Bieren und sonst wie farbigen Schnäpsen. Nicht durchnummerierte 111 Leute freuten sich vor der kleinen Bühne ihres großartigen Lebens, und auch ich hätte es dabei belassen sollen. Doch der Rock ´n´ Roll-Teufel ritt mich auf die Bühne, auf der ich, meine ich, zum Schlager „Oi! Punk pervers“ eigentlich nur kurz herumzustehen gedachte, was in diesem Kulturkreis nicht mit versuchtem Totschlag seitens der Sicherheitskräfte honoriert wird, sondern mit der Mikrofonübergabe des Sängers. Ich sagte zwei Tage später zum unscharfen Beweisfoto des berühmten BFC-Fans namens Lokalmatador zwar, ich hielte da nur eine Bierflasche vor dem Mund, doch der Mikrofonständer zwischen meiner Faust und den Füssen gab mir Unrecht. Oh je, was hatte ich da gesungen? Der Lichtenberger Lange und seine Crew konnten sich an nichts erinnern, auch nicht an den anderen Teil der Wahrheit, wonach ich auf der Bühne den mir körperlich überlegenen Sänger, dem langen Elend Willy Wucher, um die Oberschenkel packte und der Erhebung in den Olymps wegen für einen Moment gen jenen bewegte, was zumindest beim zweiten Versuch klappte. Welch Triumph! Doch mein Rücken und ich können derartige Faxen nicht empfehlen. Ich bin 50, trage kein „Helfen Sie mir über Straße“-Shirt, möchte aber ab und zu vor mir beschützt werden; zumal nach meiner letzten Erinnerung an jene Nacht, kurz bevor ich aus der Bahn ausstieg, in selbiger eine Frau vor mir flüchtete.

1998, guter Jahrgang

Meine ND-Kameraden weilen samt IT-Abteilung in Leipzig, deshalb gibt es meine heutige Kolumne auf diesem Wege.

Alle Jahre wieder treffen sich in der Messe-Meister-von-Morgen-Stadt Leipzig die Buchverleger, Lektoren, Vertriebsfritzen, Schreibschulenstreber und das sonstige Füllfederhaltervolk. Ich finde derartige Werkschauen der Groß- und Gernegroßverlage blöd, da ich ein Fanzine-Fabrikant bin. Ich komme zwar aus dem Leseland DDR, habe einige real existierende Klassiker gelesen, glaube aber nicht an den schreibenden Arbeiter oder den singenden Hartz-Revoluzzer. Ich halte im Literaturbetrieb eher zu den Schmuddelkindern. Vor 20 Jahren stieg ich in die Szene ein und wirkte am Berliner Mini-Magazin „Der Zonenzombie“ mit, in dem es um Fußball und Punk ging; allerdings ohne dabei den Schleichweg in den Zeitschriftenhandel ausfindig machen zu wollen. Wir waren stolze Proleten, schreibende Arbeitslose. So um 1998 stieß ich in Prenzlauer Berg auf die Social Beat-Bewegung, dieser literarischen Bukowskibrigade. „ Der Störer“ hieß das Zentralorgan des Protagonisten Dahlmeyes, der mit anderen Leuten eine handvoll Festivals organisierte, deren Veranstaltungen alle super besucht wurden. Endlich schien ich einen Bruchteil der Literaturuntergrundspielchen nachholen zu können, welche ich in den 80ern als Werktätiger völlig verpeilt hatte. Die Leipziger und Frankfurter Buchmessen interessierten mich nicht, ich bin mit einigen Freunden nur nach Leipzig gefahren, weil es eine Gegenveranstaltung zur Messe geben sollte, in Connewitz-Kuckuck, im Werk 2, Halle 5. Es war ein Treffen von Autoren, die sich gegenseitig ihre Hits vorlasen. Christian Wolter, der heutzutage mit Sachbücher über Fußballstadien auffällt, und ich, kolportierten, wir seien die Modern Talking des Social Beats. Unser Chauffeur namens AnDieZone freute sich, dass sein Gedichtband „Der Tänzer“ auf dem Büchertisch das meistgeklaute Produkt war. Nach der Geisterstunde mit der passenden Grunge Band wollten wir bei unseren befreundeten Wohngemeinschaftlern vom Fußballpunkyzine „Melk die fette Katze“ übernachten. Da niemand zuhause war, brachen wir ein, was normal zu sein schien; zumindest außerhalb meiner gemütlichen Hauptstadt. Am nächsten Vormittag durchstreiften wir die Messehallen nur kurz und befanden sie für unsexy. Am interessantesten wäre es gewesen, dem Hausmeister das große Schlüsselbund zu klauen und alle Türen abzuschließen, damit die gesammelten Altlasten des Literaturbetriebes für einige Überstunden, besser noch Tage oder Wochen, in ihren Zombiehallen versauern mögen. Jahre später landete ich im offiziellen Literaturbetrieb, wusste es aber zu vermeiden, in den Messehallen auch nur eine Zeile vorzulesen. Es sollte lieber die Moritzbastei sein, aber das ist eine andere Geschichte.

Tipp für heute: Eine Kostenuhr für die Bewerbung der Olympischen Spiele in Berlin installieren. Siehe auch BER-Kostenuhr.

Mensch Gläser …

… machste jetze einen auf Stein, oder wat? Hm. Habe letzten Dienstag gegen 21 Uhr 30 einen Anruf von Spider bekommen, wo ich denn bliebe, da LSD gleich los ginge. Autsch! Ich habe LSD vergessen, mich verplant, alles verpeilt – mit einer Madame im Baiz drei Brausen getrunken. Der Lesebühnentermin stand hier wochenlang unter, jawoll,  Termine, wo ich nicht so oft nach sehe, dafür aber nicht in meinem volkstümlichen Kalender. Sorry. Bin auf dem 1. Arbeitsmarkt so´n Schichtsurfer. Kurze Nacht, einen Tag frei, langer Tag, halber Tag frei, lange Nacht und für einen ausgefallenen Kollegen einspringen. Immerhin kriege ich noch meine wöchentliche Kolumne gebacken. Und zwecks sonstiger Zetteleien gelobe ich Besserung.