Alles neu macht der Mai

23. April 2019

Habe gestern kurz über ein Werbetextchen für unsere Beteiligung an der Langen Buchnacht gegrübelt und die Lösung gefunden: Einfach Kompanion Flo damit belasten, und siehe da, er kann´s. 18. Mai, ist noch ein bisschen hin. Bis dann sind vielleicht sogar meine 3.000 Zeichen für das Wappen-Buch in der Zeitung verewigt. Hier schon mal …

Wappen und Wunder

Hardy Grüne, der Mitherausgeber des Fußballquartalsmagazins „Zeitspiel“, legt ein Werk vor, in dem sich über 1100 von Thomas Senftleben und Andreas Ziemer gezeichnete Fußballvereinswappen finden. Es galt, historische Vorlagen auszugraben und zu restaurieren; von jahrzehntelanger Vorarbeit ist die Rede. Zu den 128 Vereinen aus aller Welt, davon etwa die Hälfte aus Deutschland, finden sich zumeist Doppelseitenbeiträge. Hardy Grüne beschreibt, was die jeweiligen Vereinsoberen bewogen haben wird, ein vor über 100 Jahren geschaffenes Wappen immer wieder zu ändern. Es gab viele verschnörkelte Zeichen, bei denen sich so manch Kreativer frei entfaltete. Oft mussten sich im neuen Wappen auch Hinweise auf die Beteiligten der Fusionen wiederfinden. Später wurden filigrane Details wegrationalisiert. Man versachlichte nicht nur die Wappen vom FC Bayern oder Borussia Dortmund, damit sie weltweit als Marke wiedererkannt werden. Auch wenn es scheint, als seien einige Wappen schon vor Ewigkeiten in Stein gemeißelt worden, so besaßen viele Vereine über die Jahrzehnte zehn verschiedene Symbole. Beim MSV Duisburg oder Hannover 96 waren es sogar 16. Trotzdem ließ man während manchem Spieljahr auf dem Trikot das Emblem einfach weg, ohne den Volkszorn auf sich zu ziehen. Wurden vor wenigen Jahrzehnten kleine Veränderungen noch beiläufig auf höherer Vereinsebene durch gewunken und kaum bemerkt, lösen heutzutage derartige Manöver eine Fan-Revolte aus; wie beim VfB Stuttgart, wo das Gründungsjahr 1893 vorübergehend durch den Städtenamen ersetzt worden war. Dieser Schritt wurde per Mitgliedervotum rückgängig gemacht. In Wolfsburg wünschen sich viele Fans die Rückkehr der Zinnen auf dem geschwungenen W zurück. Bei Hertha BSC fand sich über Jahre die Dopplung des Städtenamens im Wappen und um 1974 erinnerte der Schriftzug der alten Dame eher an eine Diskokugel. Zu einer wahren Blütezeit für  Wappenänderungen kam es im Osten Deutschlands um 1990. Auch Rechtsstreitigkeiten zwangen zu kreativen Ausbrüchen. Dass aber nicht immer ein gelernter Grafiker am Werk war, erkennt man an manchem Emblem, dass, so bunt in bunt und filigran es sein mag, aus der Ferne nur wie ein dunkler Fleck wirkt. Hardy Grüne meint, das Erscheinungsbild des Emblems sei für so manchen Fan mitentscheidend, mit welchem Verein er stärker sympathisiere. Man kann sich einen Spaß machen, indem man einen Großteil der jeweiligen Doppelseite abdeckt und nur ein Wappen zeigt, um erraten zu lassen, um welchen Verein es sich handelt. So firmierte Chemie Leipzig für ein knappes Jahrzehnt als SC Lokomotive und hatte im Gegensatz zum 1. FC Lok Leipzig auch mal eine Lok im Wappen. Die Prager Rivalen Slavia und Sparta wiederum führten jeweils achtmal einen markanten roten Stern mit sich. Ähnlich sah es bei Roter Stern und Partizan Belgrad aus. Auch die vermeintlich traditionsbewussten Engländer lieferten viele Kuriositäten ab. Dieses Werk macht nicht nur amtliche Heraldiker neugierig auf einen Nachfolger.

„FUSSBALLWAPPEN“, Hardy Grüne, Verlag die Werkstatt, 224 Seiten, Hardcover, 24,90 €.

Bin ich unmodern?

30. März 2019

Neulich habe ich gegenüber Christoph Meueler, dem neuen Kulturabteilungsleiter vom Neuen Deutschland, – ehemals Junge Welt, Ablösesumme 200 Millionen -, auf diese Verkaufsberater geschimpft. Das fand er lustig und bat mich, darüber einen Text zu schreiben. Nun bin ich in der aktuellen Sonntag-Morgen-Rubrik mit etwa 3.000 Zeichen, die ich am Mittwoch/Donnerstag vor der Arbeit geschrieben habe, zwischen 6 und 7, wo es schon hell war. Tageslicht ist Poetenbeleuchtung. Doch morgen wird die Uhr wieder zurück gestellt, ich glaube auf 1977. Hier ist meine Kolumne:

„Die Musik aus der Küche, ist auch schon ziemlich zerkratzt“, so tönt es im Wohnzimmer, also aus dem Kassettenrekorder. Fehlfarben mit „Grauschleier“. Habe ich vor vielen Jahrzehnten aufgenommen, funktioniert immer noch, muss ich nicht wegschmeißen, mein verdienstvolles Kassettenteil samt Zubehör. Sonst stelle ich mir noch alle fünf Jahre den neuen Tonträgerquatsch hin. Am Beginn vom „Grauschleier“ quatscht eine Moderatorin rauf, wie als Zeugnis des Schreckens aller Mitschnittfreunde. „Es ist 18 Uhr 22“, behauptet sie. Dabei ist es 10 Uhr 12. Macht mir heutzutage nichts aus. Die Kassette klingt nicht zerkratzt, aber ein wenig dumpf. Wenn sich der Rekorder endgültig verabschiedet haben wird, muss ich notgedrungen in den Maxi-Markt gehen. Ich werde ziemlich klare Vorstellungen von einem Neukauf haben, die mir der Berater auszutreiben gewillt sein wird. Einen Karohemdträger wie mich hält er nämlich für einen Kumpel seiner Kaste, mit dem er gleich Klartext reden muss. Wie ich da so zwischen den Regalen entlang schleiche, Marke ratloses Opfer, noch nicht ausgeweidet. Kenne ich aus alten Tagen: Ich gestehe, mir akustische Verstärkung für meinen Fernseher zu wünschen. Das Flachbildding habe nur so einen Blechbüchsenton, und da seien leider keine Knöpfe für Höhen und Tiefen dran. „Diese kleinen Boxen für 25 Euro da.“ „Nein“, sagt er schroff. „Die sind scheiße.“ Ich bräuchte ein Sound System für 200 Mücken. Reine Lüge, sogar meine Nachbarn fühlen sich dank der Miniboxen ausreichend unterhalten. Der Maxi-Markt-Mensch möchte auch nicht, dass ich mich mit dem billigsten DVD-Abspielgerät auf und davon mache. Kaum dass ich auf der Verpackung die Anschlussmöglichkeiten erforsche, textet er mich ungefragt zu, dass ich mir doch lieber einen Blu-Ray-Player zulegen solle. „Sonst kommen Sie nächste Woche zum Umtauschen an. Muss doch nicht sein.“ Klasse, wie der mich kennt, und was der sich so traut. Als ich mich für einen Drucker für 60 Euro interessiere, erklärt er mir die daneben stehenden Teile für über 100. Ich verfolge gut gelaunt seine Performance, er wird lauter. „Warum erkläre ich den Leuten alles, wenn die sich gar nicht interessieren?“ – „Das ist schon ein guter Anfang, wenn Sie sich das selber fragen.“ Er fuchtelt wild umher. Hoffentlich bekomme ich nicht gleich eine geknallt. „Kann ich auch nach Hause gehen.“, sagt er. „Meinetwegen. Ich nehme mir den 60-Euro-Drucker und …“ – „Das hält ja keiner aus!“ Mein Gott, wenn mein Doppelkassettendeck den Restgeist aufgibt, oder ich sogar. Rekorder werden wohl nicht mehr hergestellt, die Geburtenrate sinkt auch. Komme ich mit klar, bin ja halbwegs modern. Habe sogar einige Kassetten entsorgt, auf denen Musik war, die ich auch auf CD oder Schallplatte habe, oder auf youtube. Die Kassette rumpelt vor sich hin. „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat.“ Gleich verrät mir die Moderatorin, dass ich DT 64 höre.

Wenn das der Heiner wüsste

18. März 2019

Als wir 2014 unsere LP zusammen bastelten, lag bei der 300er Auflage der Herstellungspreis pro Exemplar so bei 6 Euro, und der vom Verkauf bei den in Punk-Kreisen weit verbreiteten 12 Euro. Und wir sind immer noch auf der Erde und fallen nicht runter. Doch eben war ich im Kulturkaufhaus, um die unten bereits erwähnte LP zu kaufen. Teuer soll sie sein, hieß es im Radio für Verwachsene. Haben den Preis nicht genannt, aber die Namen der Protagonisten immer schön gesungen. Dachte ich, bei 30-35 Euro, spinne ich mal mit. Aber, äh, 70 69,99 Euro wollen die haben. Werden sich natürlich genügend Record-Store-Day-Spinner finden. Gibt nur 500 Ex, die gehen aber nicht ganz so schnell weg.

Tipp für demnächst: Wondratscheks Altlasten im Antiquariat für´n Euro ziehen.

Interzone

17. März 2019

An Sonnabendvormittagen gehe ich traditionell auf Nahrungssuche. Gestern war ich bei Netto, nicht bei Dussmann. Hatte ich nicht auf dem Schirm, dass es dort das erste, bis dato nie veröffentlichte, Interzone-Album geben sollte. Muss ich Montag nachholen und hoffen, dass der alte Blues nicht genauso zackig weggeht wie der junge Hip-Hop.

Interzone „Letzte Ausfahrt“