Archiv des Autors: Andreas

Schöne Westreise

15. April 2024

Bundesliga 2, Erik und ick waren dabei. Hertha BSC gegen Hansa Rostock, ein Spiel mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Wir trafen uns klassisch auf dem Alex an der Weltzeituhr, um mit der Untergrundbahn in den Nordwesten der Stadt zu rollen. U 2, dunkle Heimatlinie. Die S-Bahn zu nehmen, während der Fahrt rauszukucken und am Stadion ins Olympia-Eck zu gehen, das war an diesem Freitagabend schwierig, wegen der polizeilich verordneten strikten Trennung der etwa 20.000 Meck-Pomm-Peoples von den 40.000 Berlin-Brandenburgern. Es gäbe Pufferblöcke, die zusätzlich mit Fangnetzen von den Nachbarblöcken gesichert wurden. Ausverkauft hieß dieses Mal nicht 74.000, sondern 62.000 und ein paar Zerquetschte. Gefallen hat mir beim Spaziergang zur Olympiaschüssel an einem Bierstand die etwa zehnköpfige Reisegruppe, bei der jeder ein anderes Trikot trug, von Celtic über Anderlecht und Leicester bis zu einigen nicht auszumachenden Vereinen. Ein echt lockerer Bund. Man sprach Englisch. Im Stadion hatten Erik und ick zwei Plätze im Oberring, zwar fern vom Rasen, aber für halbwegs volksnahe 25 Euro. Fand ick in Ordnung, jetzt kann der Hertha-Trainer mit Frauchen ins Kino gehen. Die 20.000 Gäste-Fans machten anfangs einen auf Einheitslook. Der Block links vom Marathontor ganz in Weiß, der Rechte in Blau. Einige Umstehende feixten, so eine koreanische Choreografie würde man in Berlin zum Glück nicht hinkriegen. Zum Anpfiff ließen die Gäste blau-weiße Nebelschwaden aufsteigen, die sich so schnell nicht verziehen würden und weder nach Thymian noch nach Eukalyptus rochen. Erik und ick brauchten neues Bier. Es war teuer, aber irgendwann merkte man das nicht mehr so. Das Spiel, nun ja, bei der launischen alten Dame Hertha BSC wusste man nie. Schrecken aller Zocker. Aber der Auftritt war solide, die Tore beim 4:0 fielen so beruhigend gleichmäßig. Von den zuletzt erstarkten Hanseaten kam erschreckend wenig. An der Strafraumgrenze ließ die Angriffswucht nach, das war bis kurz unter dem Stadiondach ersichtlich. Doch Hansa dürfte die Klasse halten können, und Hertha auch. Man trifft sich immer wieder. In den Farben vereint, in den Strandkörben getrennt. Oder wie das auf Szene-chinesisch heißt. „Wir sind blau-weiß …“ da können 10 Millionen Deutsche mitsingen. Danach zurück mit der S-Bahn. Dank Sieger-Privileg. Lustig war die Reise zum Alkopole am Alex. Es gab einige güldene Biere, drei bunte Likörchen … „Erik, ick hab keen Jeld mehr.“ – „Ejal, wie kommste na Hause?“ – „Mit Rad.“ – „Pass uff, dass nich nur der Sonnabend futsch is.“

Flüstern und Schreien

12. April 2024

Inzwischen wurde auch die zweite Lektoratsrunde bewältigt. Mit dem Satz habe ich zum Glück nichts zu tun, umso mehr mache ich mir um den Buchdeckel einen Kopf. Krasses Bild, kurzer Text und so. Damit es mit dem Kaufreflex in Kanada und Kolumbien klappt. Dort leben doch genügend deutsche Muttersprachler, oder? Gestern, nach Willmanns Fußballbuchvorstellung im Meisterkiez, sagte ich zu Hoolywood-Sven, ich würde auch mal in seiner Kleiderkammer in der Schönhauser Allee 43 lesen wollen, worauf er meinte, wir müssten das aber mal anders bewerben, uns an der Jugend orientieren, da wäre bei solchen Terminen immer gleich Bambule. Tja, muss ich mal meinen Sohn (22, Zimmermann) aushorchen, wie das funktionieren könnte. Denn als ich ihn neulich fragte, wie viele seiner Leute da immer kämen, wenn er sich mit ihnen am Wasserturm verabredete, und ich so an drei oder neun Mädels und Jungs dachte, meinte er ganz trocken: 70 oder 80. Und die Polizei schaue früher oder später auch vorbei. Nun ja, diese Eckdaten passen schon mal zu einer Buchvorstellung im Hoolywood. Ich muss aber rausfinden, wie ich meine alten Säckinnen und Säcke elektrisiere. Vielleicht, nichts lesen und singen, nur trinken und lachen.  

Jede Woche ein Buch?! „Provinzlust – Erotikshops in Ostdeutschland“, Uta Bretschneider & Jens Schöne, Ch. Links Verlag. Ein Sachbuch, auf dem Rosa-Cover sieht man ein flaches Haus mit entsprechendem Hinweisschild. Willkommen in der Provinz, in Freiberg, Ilmenau, Lauchhammer und den anderen lustigen Nestern. Die Betreiberinnen und Betreiber der Shops berichten über ihren Neustart nach der Wende und ihre Dauerkämpfe auf dem Markt. Das Sortiment der Platzhirsche aus dem Westen wollte man nicht Eins-zu-Eins übernehmen, der Osten ticke anders. In der Provinz kaufe man lieber persönlich als im Internet. Hell und freundlich müsse es sein, nicht alles so rot-schwarz-dunkel-bubu. In den ´90ern habe es noch Kabinen gegeben, die liefen wunderbar. Irgendwann wurde es zu laut und alkoholisch. Wie es den Betreibern beim Wichse-wischen ging, wird nicht thematisiert. Sauber müsse es sein, nun ja. Haste fünf Kapitel gelesen, haste 30 gelesen. Warum der Leipziger Shop mit dem linken Anspruch auch als links gelten darf, blieb mir verborgen. Lustige Bilder sind drinnen, mit aufrecht in die Jahre gekommenen Betreibern, inmitten der knallbunten Sortimente. Ja, ein okayes Buch, aber gendern bleibt ungeil. Ich bewundere diesen Unternehmermut, wenn man mit wenig Startkapital einen Laden aufmacht, sich mit diesem Kapitalismusscheiß auseinandersetzt und wenig später machen kann, was man will.

Nur noch sieben Kapitel

7. April 2024

Prima, ich habe am Osterdienstag die Superdatei übermittelt bekommen und mich während der letzten Tage mit der Papyrus-Wissenschaft beschäftigt. Ich sag mal, Marry, meine Lektorin, macht den Job ganz gut. Stilistisch begradigt sie so einiges, inhaltlich ist sie hart im nehmen. Letzten Freitag war ich noch mal heimlich beim Fußball, um schön im Regen zu stehen; aber jetzt, wo wir voll das Frühlingswochenende haben, sitze ich am Computer. 13 Uhr, nur noch sieben von 22 Kapiteln … Verbesserungen akzeptieren, Unverständliches erklären und so weiter. Alles etepetete lesen. Bis Montagabend möglichst alles zurücksenden. Sehr schön, dass meine junge-Welt-Kolumnenkollegin Gabriele lieber was für den kommenden Dienstag liefern will, als für den übernächsten, und wir einfach mal tauschten. Freut mich total. Eine passende Erweiterung zum Romantitel „Berlin Nordost“ scheint mir am letzten Freitag auch eingefallen zu sein. Zumindest wurde ich dafür im Sportforum Hohenschönhausen nicht verprügelt.

Mensch!

31. März 2024

Bin Gründonnerstag im Haus der Sinne am Start gewesen, als Gast bei den Brauseboys. Die nette Show war okay besucht, besser als in der Woche davor immerhin. Habe neue Texte von vor 20 Jahren gelesen, die ich zehn Jahre nicht mehr vorgetragen habe: „Kaffeeklatsch im Stasi-Reservat“ und eine über den Nachbarbezirk. Diese Lokalität in der Ystaderstraße gefällt mir, nicht nur weil sie in meinem Kindheitskiez liegt, ganz idyllisch im Bullenwinkel an der S-Bahnstrecke. Bin nach der Show mit dem Kumpelautor Thilo Bock erst im Empor gelandet, dann in der Kneipe neben dem Doors; aber ins Baiz haben sie uns nicht mehr gelassen, diese Pfeifen. Sogar ins Empor wollte uns der Chef anfangs nicht hinein lassen, kam zur Tür raus als ich mein Rad anschloss. „Nee, heut nich mehr! Ach, du bist dit, kommt rin!“ Ich bin Cantian-Ecke-Milastraße bekannt. Einigermaßen. Doch wer war dieser nach Kumpelautor aussehende Fremde, den ich da mit anschleppte; vor allem, für welchen Verein?! Thilo gab zur Auskunft, er sei gebürtiger Westberliner. Falsche Antwort. Abwartende Stille. Na gut, er sei für Hertha BSC. Prima. Alles vertreten im Empor: Union, BFC, Saloniki, Leverkusen – jetzt auch Hertha. Von Thilo gibt es demnächst also ein Buch über die Alte Dame. Ha-ho-he – Thilo is okay! Und der Wirt auch. Er meinte, an dem Tag, an dem Bayer 04 Meister wird, gibt er für jeden Gast drei Freigetränke aus. Das müsse schon sein. „Na hör ma!“ Am Kar-Freitag besuchte ich Ahnes tolle Solo-Show im schönen Zebrano-Theater. Zweimal drei Stunden neue Texte, Lieder und Showeffekte. Welch Tausendsassa er doch ist, dieser Freund und Vortragskünstler! Es war ziemlich stickig im krass besuchten Laden, vor mir saß ein gewagt Gekleideter mit strengem Geruch. Aber was erwarte ich Gästelistenschnorrer? Das kleine Zebrano sieht sich jedenfalls permanenten Existenzsorgen ausgesetzt. Staatlich bezuschusst werden nur die großen Häuser. In kleinen Lokalitäten sollen gefälligst ausschließlich Südeuropäer und Asiaten ihre Restaurants aufmachen. Kleine Kulturorte und Stadtteile haben kaum eine Chance. Kreuzberg zum Beispiel, soll verschenkt werden. Stralau wird sofort versenkt. Nach der Show habe ich mir von Ahne noch dessen CD schenken lassen, die er gemeinsam mit Mareike Hube und Sedlmeir rausbrachte. „Rache – ein Kriminal-Musical“, kurz vor Corona erschienen. In der Lokalität danach hat Ahne auch alles bezahlt, für Mandana, Micha und mich, und den anderen Gästen, die nicht wussten, wo sie sonst hingehen sollten. Mensch! Ich muss Ahne mal zum Asiaten einladen. Nun ja. Heute Nacht wurden übrigens alle Uhren eine Stunde vorgestellt. Ich komme gut damit klar, sehr gut. Habe spontan meine Kolumne geschrieben, obwohl ich bis zum morgigen Montag 10 Uhr gar keine abgeben muss. Gabriele Damtew ist dran. Ich bin eine Woche früher fertig mit der Auftragsarbeit über das Fußballspiel, welches ich kommenden Freitag besuchen werde, über das ich aber nicht berichten will. Berliner FC Dynamo gegen Hertha BSC II. Das ist Kunst. Die Zeitumstellung kann mir nichts anhaben, weil ich gestern nüchtern ins Bett gegangen bin. Das spannendste am heutigen Ostersonntag ist übrigens, ob der Verlag mir die lektorierte Datei übermittelt. Ich kucke aber nicht alle 20 Minuten ins Postfach, ich fahre nachher lieber zum familiären Kaffeeklatsch, in eine Gartenkolonie, die man bald wegrationalisiert haben wird. Wenn meine für den Mai geplante Veröffentlichung einen Sommerlochskandal abwirft, absolviere ich im Haus der Sinne und im Zebrano Theater jeweils eine Solo-Lesung.

Für Freunde der englischen Sprache II: Die Bonnerinnen kommen! / East-West Relations

27. März 2024

Ich zitiere Chef-Übersetzerin Katy aus dem August 2002: „Die anderen wollen die Geschichte nicht auf unsere Homepage setzen, wegen Verklemmtheit mal wieder. Also schenken wie dir die Übersetzung, sozusagen. Wie du dir vorstellen kannst, ist der Titel sehr schwer zu übersetzen, da die meisten englischsprechenden Leute nicht wissen, was Bonn für eine Stadt ist, und wir keine weibliche Form für „Bonner“ haben. Also wurde er kurzerhand ganz umgeändert.“ Wie auch immer. Ich bedanke mich bei Katy & Co. auch gerne 22 Jahre später noch einmal, auch wenn aus Wolfgang Niedecken plötzlich Sting wurde. Auf die Völkerfreundschaft!

East-West Relations

It’s one of those evenings when I’m using culture as a pretext for indulging in alcohol. I’m standing at the bar and waiting for the evening’s entertainment to start. Next to a woman. She appears to be all alone in the world. So I ask her when it’s going to get started and what’s on the programme. That’s my personal version of „Do you come here often?“ She doesn’t know, so I tell her. „Oh, it’ll probably start soon. It’s one of those discussion evenings: Lesbians Ask – Builders Answer. It shouldn’t take too long.“

She speaks with a slight Rhineland accent. Reason enough for me to ask her, „So, where are you from? The Rhineland?“ This question can be varied in a number of ways, but it’s been known for women to respond by expressing their dissatisfaction with politics, their personal problems, or even apparently relating their entire life stories. I usually fake sympathy and then they just leave. That’s not what I had in mind. Silke, on the other hand, this cheerful Rhinelander, just says, „Yes, I’m from Bonn. It’s near Cologne.“

I don’t mind where she’s from. At least Silke’s not a hard-up girl dreaming of a flat in a more up-market district of Berlin. I don’t have a problem with strange women’s money problems, just with their expensive tastes. I’m sure I don’t have to put on a show for Silke so I seem more hip. She knows I have a timeless charm. We’ll probably have a good time together as long as she interprets my dull silence as intense interest.

We get on well. It’s a clear case – we’ll go mushroom picking and take boat trips. But first we’ll see what’s happening at this Mad Hatter’s tea party. I make malicious comments, she chips in, bitching about people who are always beating around the bush. About doddery, scruffy men and nondescript, oddball women. We don’t like tiresome, know-it-all sectarians. Silke is a gift from the gods, sent to make up for that woman who wanted to discuss literature with me. Silke wants to kiss all the time. With her mouth slightly open, quite dry, just a little bit of tongue. „But don’t touch my tonsils!“

What a shame, I think, because women always kiss the way they do something else later. At least she doesn’t smoke. Spares me that breath of decay. She has no intimate piercings, she tells me unprompted. That would have been embarrassing if I’d introduced her to my parents. We make a lovely couple. Lovely, but hideous. A woman with one leg and three arms and a man with two heads. It sounds unlikely but it’s more or less true. We are hideous, hideous, hideous. But objectively we are lovely, really lovely. „My place or yours? Shall we take a taxi or a wheelchair?“

Silke lives almost opposite the house that’s not there any more because of a gas explosion. Everything’s very modern in her uptown flat: central heating, gramophone, bathtub. This lovable cultural imperialist has decorated her walls with romantic revolutionaries: Che Guevara, Karl Marx, Sting. „Give us a kiss. Off to the bathroom with you!“ Hmm. In my old flat the hot water comes out lukewarm. But here? I hold my nether nozzle under the tap and turn on the hot water. But it’s not lukewarm here! Damn these modern flats! Shortly afterwards I’m fully recovered.

If you want to spend the night in Silke’s flat but not in her bed, you needn’t bother staying there at all. What a woman! Maybe even the last unmodern female in our over-sexualised culture. I hadn’t even noticed her perfect figure underneath the alternative get-up. She has a condom at hand. „With pleasure“.

With as much pleasure as I would struggle into a diving suit. The sensations of tenderness are followed up by a firework of feelings. „Give us a kiss“. A pubic hair tickles my tonsils, it won’t come out. I choke a little and transfer it to her thigh with my tongue. Silke forgives me. She wants to be on top though. „No, no! Oh, alright then“. She’s too forthright for my tastes. Her sense of rhythm is not the same as mine. „Silke, my Blitzkrieg of joie de vivre, I’m a Berliner, I ‘ave to be in charge!“ With me back on top, we see-saw back and forth uninhibitedly.

We don’t have to like each other. We fantasise like carefree masturbators. Slowly we get to know each other. Silke is not one to savour in silence. Methinks she fevers. It’s cruel but it makes me laugh. The evil condom is long forgotten, it’s lying on the floor somewhere. And so the inevitable comes. „Give us a kiss!“ and off to the land of nod. A short time later: „Good morning! Time to get up! Breakfast!“ On the one hand, Silke is wonderful at making coffee and fetching fresh rolls. She’s certainly not one of those women who proudly proclaim that they can’t cook, as if that inability was an achievement. On the other hand, Silke is good at asking awful questions: „Why are you acting so lovestruck? Don’t you find that embarrassing?“ „But Silke, it’s just an act!“

Our financial discrepancies are also high on her agenda. I am a labourer. She is an emancipated woman. She can afford to pay my keep. I don’t mind. She is an American from Bonn. That’s near Cologne. I am a Russian from Berlin. She has to go to work, to speed up the government’s move from Bonn to Berlin. „Yes, Sundays too!“

I have to go and watch football. But that’s enough about sport.

Zwischen den fernen Vierteln

25. März 2024

Für meine aktuelle Unterklassen-Kolumne habe ich mir Sparta Lichtenberg vorgenommen. Doch lesen Sie selbst:

Palmsonntag im verregneten Spreeathen. Ich fuhr mit dem Rad zum Landespokal-Achtelfinalspiel zwischen Sparta Lichtenberg und dem Frohnauer SC. Der Dritte der viertfünftklassigen* Oberliga Nord empfing den Siebten der fünftsechstklassigen* Berlin-Liga. Paul Kalkbrenner traf Reinhard Mey. Give me the beat! Jeder Berliner Verein weiß mindestens einen Promi hinter sich. Ich also hin, auf halber Strecke schon ziemlich durchnässt, denn da ich mich mit Freund Martin verabredet hatte, fiel es aus, am Montag aus der Fachpresse abzuschreiben. Ach ja. Wenn das Firmament stundenlang tropft, bleibt der Mensch eigentlich zuhause, und wenn die Sonne lacht, spaziert er ziellos umher. Die Favoritenrolle kam Sparta zu, auch weil man in der Vorsaison ins Finale gelangte, wo man leider an TuS Makkabi scheiterte. Sparta  wurde sogar Berliner Meister und schaffte erstmals den Sprung in eine überregionale Fußballliga. Am Vereinsheim wähnte ich mich ruck-zuck in die Welt der Ex-Fußballer involviert, von denen in Marco Bertrams Sparta-Fibel die Rede ist, derer es nur noch wenige Exemplare gibt, da der Culturcon Verlag im letzten Jahr pleiteging. Es hörte auf zu regnen und wurde immer familiärer. Zu Essen gab es Rehrücken mit Rotweinsoße,  allerdings in einem fernen Viertel. An der Fischerstraße wurde das Klassenbewusstsein mit Bratwurst gefestigt. Sparta Lichtenberg, 1911 gegründet, ist ein traditioneller Verein der Arbeitersportbewegung, der über alle Jahrzehnte und Systeme fort bestand, abgesehen von der Zwangsumbenennung in Empor zwischen 1933 und ´45. Sparta schien zu DDR-Zeiten eigentlich dafür prädestiniert zu sein, mindestens in die 2. Liga lanciert zu werden. Doch es hieß: Breitensport statt Massenspektakel. Auch die Gäste vom 1946 gegründeten FSC haben wie so viele kleine Vereine eine bewegte Geschichte hinter sich, auf deren Internet-Seiten erfährt man aber nicht viel. Etwa 300 Zuschauer hatten sich rund um das gefährliche Kunstrasenareal eingefunden. Die Tore zum 3:0-Pausenstand wurden in der 6., 37. und 45. Minute erzielt. Danach traf Sparta noch mindestens dreimal das Aluminium. Die oftmals hochgeschossenen Spieler aus der Vorstadt kämpften tapfer um einen Treffer, doch viel lief bei ihnen nicht zusammen. Im Vereinsheim wäre ich mit dem berühmten Nadelsammler und anderen Kumpels gerne total versackt, doch wir sind so vernünftig geworden. Weitere Ergebnisse: BAK gegen Makkabi 0:3, Meteor gegen Viktoria 89 0:4 und Hertha Zehlendorf gegen Lichtenberg 47 1:2. Termine: Halbfinale, 1. Mai. Finale, 25. Mai.

Ein Jahr, jede Woche ein Buch!? Habe Marcos Sparta-Fibel gelesen und finde sie in Ordnung, zumal er dieses Auftragswerk nach meinem Kenntnisstand innerhalb eines Halbjahres umzusetzen wusste. Zu solchen Vereinen gibt es in der Regel ja noch keine Literatur, man muss sich durch staubige Archive wühlen und das Wesentliche herauszufiltern verstehen. Voll der Forscher, der Herr Bertram. Zu kurz geraten ist mir das Kapitel zur turbulenten Zeit zwischen ´33 und ´45. Ganz locker-flockig sind die Gespräche mit alten Spielern und Förderern. Geben wir ihm eine 2- oder eine 3+? Dieset Buch is uff jeden Fall dit allerbeste zu Sparta und unter den etwa 66 Fibeln im ersten Drittel anzusiedeln. Ahu!

Tipp: Kommenden Donnerstag bin ich bei den Brauseboys als Gastautor am Start.

* Vielen Dank dem treuen Leser Ahne S. aus B. für den konstruktiven Hinweis.

Für Freunde der englischen Sprache I: Für meine liebenswerte Kerkermeisterin / My Darling Dungeon Mistress

24. März 2024

Mein Elektropostfach war nahezu voll, es moserte herum mit dem Verschicken von Anhängen. Und wer weiß, was alles nicht angekommen ist? Habe mich von etwas Datenmüll verabschiedet, jetzt kann ich wieder ein Fünftel des Möglichen raufknistern. Ich entdeckte so manch verschüttete Mail, zum Beispiel die mit den Übersetzungen von zwei Texten, die Katy D. aus B. 2002 mit sechs Komplizen für deren Interalia-Seite anfertigte. Im Freunde-Teil I gibt es also meine Geschichte „Für meine liebenswerte Kerkermeisterin“ aus dem Debut „Der BFC war schuld am Mauerbau“. Anmerkungen von Katy: „Das Berlinerische ist jetzt Cockney … und aus Mireille Mathieu, die in GB keiner kennt, wurde Liza Minelli.“

My Darling Dungeon Mistress

None of my teachers were ever in love with me, but there was this Stasi women from the district council of Berlin Hohenschönhausen, Department of Internal Affairs. She didn’t want to let me go, even though I’d filed between 20 and 30 applications to leave for the West. East Germany was too boring, too unhip, too deadly dull for me. Most people did their best to realize their dreams in their early twenties: have kids, get married, kill kids, get divorced.

How fulfilling. Back to the Stasi woman. We got on well. I didn’t have to keep telling her fairy tales about the freedom of movement and expression. I’d told those stories so often since May 1986. That’s when they sat me down opposite three henchmen in a sparsely furnished room. One of them asked, “But why?”

I answered, “Just because!”

The next one asked exactly the same thing. “You’ve been sittin’ ’ere the ’ole time,” I said. “Ain’t you bin payin’ attention?”

“Yes, but I’d like hear it again from you personally.” The third henchman was just as quick on the uptake.

This went on for almost three years, every second or third Tuesday afternoon, for an hour at a time. Those blathering daydreamers went on and on about a society that takes care of your every need. That sounded fair enough, but how could it compare to punk rock and pornography?

At the beginning of 1989, they hinted that I would soon be released from my East German citizenship. To make sure I wouldn’t really hold it against them, at my last few appointments they conjured up a darling dungeon mistress: a delicate rose in her mid-twenties sporting a cute Liza Minelli hairdo.

The beginnings of an early summer’s tan toned down the treacherous pallor of her poor nutrition. She was wearing a sky-blue blouse. Under the negotiating table she was hiding a long black skirt with a sunflower print. I’d already seen it.

As she invited me in, hurrying straight to the negotiating table, she pressed the record button on the inside of the table leg. Why hadn’t the Stasi dished up this socialist nymph while I was still in puberty? Then I’d have become an informant. We talked about our holidays. I said, “Before I leave I’m going to the Baltic again. And then, who knows? Africa, America, Asia. Tha’s everyday life in the West, innit!”

“Yes,” she replied, “I’m going to Hungary one last time and, by the way, there are going to have to be some changes around here.” She gave me a meaningful look. I didn’t get it.

Somehow I thought they’d never let me out if we just kept on having nice chats. What was I supposed to do? Slam my fist on the table? My glands would probably secrete squads of protector hormones, prompting her to swoon into my arms! I’d learnt that at school. If I was nice to a girl, she’d let me carry her satchel, and if I called her names, she’d ask if I had a girlfriend. Be it at school, at the community centre disco, or the district council of Berlin Hohenschönhausen – politeness didn’t pay. I resolved to make a real scene at the next appointment. Without knocking, I strode in and announced, “Mornin’! I don’t love you!”

She looked surprised, a little sad even. Then she urged me not to do anything I would regret. Now what was that supposed to mean?

A few weeks later I exchanged my East German passport for a “certificate of identity”. In July 1989 I happily crossed the border. No, she wasn’t the love of my life. Nowadays we only see each other at parties thrown by the federal intelligence service. She gets her long blonde hair out of a bottle and her leathery brown skin from a sun-bed. We always pretend not to know each other. But who cares? These days I go out with one of my teachers instead.

Nur noch 80 Ernten bis zur Besiedlung des Plutos

18. März 2024

Ein Jahr, jede Woche ein Buch!? Nö. Habe am letzten Ding zwei, drei Wochen herum gekaut, und nun naht der Frühling … Gelesen habe ich Christian Jakob, „Endzeit – Die neue Angst vor dem Weltuntergang und der Kampf um unsere Zukunft“. Auf dem Buchdeckel sieht man einen Gehörnten, den Ausschnitt aus einem Gemälde. Nun gut, deshalb kommt vom Ch. Links Verlag nicht gleich leichte Unterhaltung. Es geht darum, dass seit einer Ewigkeit jede Generation den Weltuntergang erwartet. Oh ha! Eine Historie der Weltuntergänge. Interessantes Sachbuch. Für den Menschen sei es nun mal einfacher, sich das Ende des Planeten vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Der Kapitalist wiederum glaubt an die Alternativlosigkeit seiner imperialen Lebensweise, an das Herunterwirtschaften der Erde und an die Besiedlung des Plutos. Und so wetteifern die Compact-People mit denen der letzten Generation mit apokalyptischen Vorhersagen. Wird ein KI-Monster den big red button betätigen? Der zunehmende Negativismus zeckt uns alle an. Hinz und Kunz empören sich in ihrer jeweiligen Echokammer. Natürlich negiert der Autor die tatsächlichen Umweltprobleme nicht. Zur Forcierung der Verwirrung wird im meist anspruchsvollen Text auch etwas gegendert. Tja, diese Lesetippreihe wird locker fortgesetzt.