Der gestrige 28. Mai galt als der Erscheinungstag meines Büchleins Der BFC war schuld am Mauerbau. Freund Peitsche konnte in der jungen Welt eine wunderbare und allumfassende Besprechung unterbringen, siehe unten. Das Foto zeigt übrigens Philipp, den einstigen BFC-A-Jugend-Spieler, und mich, 2007 während des Theaterstücks Dynamoland. Ich fühle mich geehrt, dass Peitsche, der als Deaf-Forever-Metal-Mag-Schreiber schon die Frontmänner von Motörhead, Kreator, Formel 1, Rammstein und vielen anderen zwecks Gespräch vor der Nase hatte, sich meiner Prosa annahm, welche sich in einem Internetkaufmannsladen von einem siebenstelligen auf einen fünfstelligen Verkaufsrang vorkämpfte. Für die Buchvorstellungssause am kommenden Mittwoch signalisierten so einige Menschen verstärktes Interesse. Sogar aus dem Familien- und Kolleginnenkreis. 3. Juni, 19 Uhr. Haus der Fankulturen, Cantianstraße 25, Prenzlauer Berg. Frank Willmann moderiert, Eintritt frei. Also bitte nicht auf dem letzten Drücker kommen. In der morgigen Ausgabe vom Neuen Deutschland findet sich wohl ein flottes Gespräch zwischen Herrn Willmann und mir. Ein kurzes knackiges Interview, wie man so sagt. Über Marc E. Smith and The Fall steht vermutlich nichts im ND. Trotzdem kann das Leben einigermaßen locker sein. Einfach nochmal das Debüt rausbringen. Oder eine gänzlich neue Textsammlung unter dem Debütnamen. Herr Willmann hat keine Zeit, um sein vermutlich erstes Werk, Die Idioten, noch mal auflegen zu lassen und im Vorwort zu verraten, um welchen Fußballverein es sich handelt. Da gingen die Meinungen stark auseinander. Frank schreibt schon am Nachfolger seines sehr empfehlenswerten Balkanblut-Knallers. Im nächsten Buch soll es um Bert Papenfuß gehen, der in den ´80ern aus dem Norden an den Prenzlauer Berg gezogenen Untergrund-Ikone. Tja, und wer kommt demnächst mit einem Re-Mix seiner ersten Veröffentlichung daher? Wird es Ahne sein, mit Ich fang nochmal von vorne an Wie ich einmal die Welt rettte, oder Donald Trump mit seiner Bibel?
Mit seinem Debüt “Der BFC war schuld am Mauerbau – Ein stolzer Sohn des Proletariats erzählt“ sorgte Andreas Gläser 2002 im Berliner Underground für Aufsehen – nicht nur bei den Fans von Dynamo Berlin. Das Werk ist längst vergriffen, doch die Nachfragen danach ebbten nicht ab. So ließ sich der Autor dazu hinreißen, wie bei einem Re-Release in der Rockmusik, seinen Roman in remasterter Form noch einmal herauszubringen. Für die Neuausgabe warf Gläser einige Stories von damals raus, andere überarbeitete er und gab ihnen mehr Schliff. Unveröffentlichtes Textmaterial kam hinzu, altes aus vorangegangenen Beiträgen in diversen Publikationen baute der ehemalige Fanzine-Schreiber ein. Das kommt dem “Mauerbau 2.0“, wie Gläser sein neues Buch selbst nennt, zugute: Auf den 220 Seiten ist der Fußball-Anteil stark gestiegen. Sicherlich sehr zur Freude aller, die das Dynamoweinrot des BFC als Primärfarbe ansehen. Der Autor rollt die die jüngere Geschichte des früheren DDR-Serienmeisters, die sich freilich schon seit vielen Jahren vornehmlich in den unteren Spielklassen abspielt, in seiner gewohnt humorvoll sarkastischen Art auf. Der Blick auf das Schmuddelkind des Berliner Fußballs bietet dabei einiges an Feuer- und Krawall-Potenzial. Ein ganzes Kapitel widmet Gläser etwa dem BFC-Auswärtsspiel beim verhassten Stadtrivalen aus Köpenick. Beim Verbandsliga-Kick (5. Liga) gegen Union II im Jahre 2002 macht der Protagonist die unschöne Bekanntschaft mit Pfefferspray, das ein übereifriger Polizist in die Menge sprüht. Ein anderes Mal schildert er die chaotischen Erlebnisse rund um das Theaterprojekt “Dynamoland“, in dem er selbst mitspielte. Hierbei beschreibt er süffisant das ambivalente Verhältnis der Theaterschaffenden zum als Hooligan- und Stasi-Klub stigmatisierten Verein. Bei Milieustudien im Stadion muss eine Theaterfrau die Erfahrung machen mit “Na, wie geht’s Nazi-Muschi?“ begrüßt zu werden. Die Sprache des Autors ist nicht nur rund um den Fußball ungeschminkt, direkt und in späteren Kapiteln urkomisch und dabei frei nach Berliner Schnauze. Wenn Gläser seine DDR-Kindheit schildert oder Ostberliner Bauarbeiter-Geschichten zum Besten gibt, hat der Leser das Gefühl, als Zuhörer direkt am Tresen zu stehen. Es ist der ehrliche Sound der Kneipe, der Gläser von anderen Großstadtliteraten abhebt. Er gibt dem klassischen Proletarier eine Stimme, ohne ihn trotz manch geschildeter Absurditäten bloß zu stellen. Bei ihm geraten Banalitäten des Alltags wie der Gang zum Augenarzt zur unterhaltsamen Lektüre. Die Geschichten aus dem Arbeiter und Bauernstaat, der Nachwendezeit mit Gläsers seziererischem Blick auf prekäre Arbeitsverhältnisse und dem Berlin von heute sind scheinbar zusammengewürfelt. Doch sie folgen einem (wein)roten Faden, der stets an das Hauptthema anknüpft: dem BFC Dynamo. Auch wenn es sich „nur“ um eine überarbeitete Version handelt – die Anschaffung des Buches lohnt sich, da es alte Texte mit frischem Material in komprimierter Form vereint. Quasi als Best off. Und selbst Leser, die mit Gläsers früheren Werken bestens vertraut sind, können “Der BFC war schuld am Mauerbau“ ruhig kaufen und Freunden oder Bekannten schenken.
