Der Mai ist gekommen …

… das Buch wird erscheinen: Der BFC war schuld am Mauerbau. Die dynamische Ausgabe. Nur noch einen Monat schlafen. Allerdings könnten die Exemplare mit dem jeweils weinroten Farbschnitt, der die erste Auflage zieren soll, erst nach der Buchvorstellungssause am 3. Juni lieferbar sein. So um den 10. Juni herum. Vielleicht haben wir aber auch Glück und es passiert ein Wunder. Der flinke Verleger leitete vorsichtshalber die Lieferung eines Rutschs blanker Exemplare ein, damit wir 48 Stunden nach dem Kindertag nicht ohne Bücher im Haus der Fankulturen in der Cantianstraße 25 dastehen. Das wäre traurig. Schön ist aber, dass das Buch schon jetzt beim Verlag und anderswo bestellt werden kann und ab Mitte Mai lieferbar sein dürfte. Ich hol mir ein Ex über Amazon. Die Texte habe ich alle durchgesehen und hier und da gekürzt oder erweitert. Im Klassiker „Ich war ein Freizeitloser, der ziellos in den Tag hinein arbeitete“ habe ich zum Beispiel das Intro weiter ausgeschmückt. Hier folgen nun die alte und die neue Intro-Version:

In der Schule profitierte ich viel von meiner Russischlehrerin. Sie zog mich die ganzen Jahre über mit durch. Einmal war sie mehrere Wochen krankgeschrieben. Ihre Vertreterin gab mir einige Chancen, die ich in einige Fünfen ummünzte. Als meine Russischlehrerin wieder gesund war, schrieb sie mir ein paar neutralisierende Zensuren ins Klassenbuch. Vorsichtshalber nahm sie mich vorher nicht dran. Als ewig abstiegsgefährdeter Schüler ging ich mit zwei Vorzensurfünfen in die Abschlussprüfungen der 10. Klasse. Ich hatte relativ sportlich und fair bestanden. Ich hatte keinen Traum und wurde Tiefbaufacharbeiter.

In der Schule profitierte ich viel von meiner Russischlehrerin. Sie zog mich die ganzen Jahre über mit durch. Einmal war sie mehrere Wochen krankgeschrieben. Ihre Vertreterin gab mir einige Chancen, die ich in einige Fünfen ummünzte. Als meine Russischlehrerin wieder gesund war, schrieb sie mir ein paar neutralisierende Zensuren ins Klassenbuch. Vorsichtshalber nahm sie mich vorher nicht dran. Als ewig abstiegsgefährdeter Schüler ging ich mit zwei Vorzensurfünfen, – in Chemie und Physik -, in die Abschlussprüfungen der 10. Klasse. In zwei Fächern musste ich mündlich ran, in Staatsbürgerkunde und Chemie. Im Stabi-Fach, welches ich manchmal Stasi nannte, worauf manch Lehrerin zwar die Augen verdrehte, sich aber auch das Lachen verkneifen musste, wusste ich, dass ich immer die Zensur zu erobern im Stande war, welche mir notwendig erschien. Im Unterricht stimmte ich das mir einigermaßen einleuchtende Loblied auf den Sozialismus an, unterließ es aber, den Kapitalismus zu verteufeln, in dessen Gefilde ich noch keinen Fuß gesetzt hatte. Gegenüberstellung der Gesellschaftsordnungen nannte sich das. „Und?“, fragte die Direktorin, welche uns Stabi lehrte, während einer Unterrichtsstunde. Ich schwieg und bekam eine 3. In der mündlichen Stabi-Prüfung hielt ich jedoch einen Vortrag, der meine Direktorin in pure Begeisterung versetzte. Der Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus in der DDR, so meinte ich, würde zwangsläufig mit dem Sieg über den Kapitalismus einhergehen, da der humanistische Geist der fortschrittlichen Menschheit über die niederen Instinkte der dekadenten und faschistischen Angstbeißer in der BRD von Karl Marx und Friedrich Engels wissenschaftlich begründet worden sei. Eine klare 1. Ich bekam zwar nur eine 2, weil ich mich immer noch nicht für drei Jahre Ehrendienst bei der NVA verpflichtet hatte, aber für die mündliche Chemie-Prüfung sah es mental ganz gut aus. Sie würden einen derart klassenbewussten Jüngling wie mich nicht durchrauschen lassen. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, wie mein Chemie-Experiment vor der dreiköpfigen Prüfungskommission besser laufen sollte als mein Russisch-Gestotter vor meiner Einzelfallhelferin im Schulalltag. In einer der letzten Chemie-Stunden fragte mich der Lehrer, welches Experiment vorzuführen, ich mir sofort zutrauen würde. Ich demonstrierte das einzig mir mögliche und vernahm seine Erleichterung. Doch sollte dass das glückliche Ende sein? Zum Beginn der mündlichen Prüfung meinte er, ich solle eines der drei Lose ziehen, auf denen verschiedene Experimente vorzuführen gefordert seien. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn ich zog tatsächlich mein Gewinner-Los und brillierte. Vorzensur 5, mündliche Prüfung nur eine 3. Warum keine 1? Wahrscheinlich, weil ich während meines Vortrags die Rechtsanwälte, Immobilienhändler und Polizisten in Berlin-West nicht als niederes Gewürm bezeichnet hatte. Insgesamt war es eine ausreichende 4. Ich hatte relativ sportlich und fair bestanden. Erst Jahre später kam ich drauf, dass auf den drei Losen bestimmt das selbe Experiment gefordert wurde. Ich hatte keinen Traum und wurde Tiefbaufacharbeiter.

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