So was wie Fernsehen
Mein ND-Artikel zum Volksbühnentheaterstück Johnny Chicago.
WM-freier Abend, ab in die Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz, zu „Johnny Chicago“. Die Titelfigur wird von Alex Bojcan gespielt, besser bekannt als Kurt Krömer. Das Stück wurde von Jakob Hein geschrieben, Jochen A. Freydank führte die Regie. Wie er alles unter einen Hut bekäme, wurde Hein gefragt, seine Tätigkeit als Arzt, die Familie, die Literatur und nun auch noch das Theater. Er gestand, überall zu pfuschen. Hein spielt den Moderator Kai Kacke. Dass er mitmachen darf, sei der Preis gewesen. Nette Koketterie, denn Hein moderierte nebenan, im Roten Salon, so einige Veranstaltungen der Neuen Gesellschaft für Literatur; er moderiert auch oft die Abende seines Prosazirkels, der Reformbühne Heim und Welt. Mit „Johnny Chicago“ läuft in der Volksbühne wieder mal ein Stück, das man versteht, wenn nicht sogar ein Stück für Kinder, die länger aufbleiben dürfen. Prima. Der schwungvolle Schwank orientiert sich am Schema der Talkshows. Mitunter musiziert eine vierköpfige Combo instrumentalen Schlagerpop, eine Blondine, die zum Hausensemble gehörende Inka Löwenberg, stöckelt als freundliche Bettina umher. Sie darf mal was sagen, muss oft ein Glas Wasser bringen. Kai Kacke befragt Johnny Chicago nach den Kapriolen seines 10.000jährigen Lebens. Er habe sie doch alle getroffen: Jesus und Hitler. Ja, natürlich. Aber weil Chicago schon so oft über die Neandertaler und Genossen erzählen musste, langweilen ihn diese Fragen, er möchte vor allem seine neue CD vorstellen und ein Lied singen. Der schmierige Moderator im lila Anzug will nur kurze knackige Antworten. Es gibt einige Rückblenden in Chicagos 10.000er. Vorhang zur Seite, freie Sicht auf eine Steinzeitrepublik. Johnny kollidiert mit einem Auto, worauf ihn Krankenschwester Bettina aufpäppelt und nach seinem Alter befragt. Und weil er nicht gestorben ist, lebt er weiter, immer weiter. Johnny könne sich das auch nicht erklären, ist aber so. Er wollte sich im Mittelalter auf dem Markt eine Flasche Arsen kaufen, aber es war nur Wasser. Damals gab es kein Internet, man hatte eben zueinander Vertrauen. Johnny trifft Jesus im Lazarett, aber nicht den von der Menschheit gefürchteten großen Täfelmuck. Johnny schwadroniert, er wolle Schriftsteller sein, denn das wäre eine gesellschaftlich anerkannte Form des Selbstmordes. In den „Werbepausen“ flüstert Kai Kacke seiner Bettina, das Johnnys Anzug nach 20.000 Jahren rieche. Die Beteiligten sind übertrieben freundlich, wenn sie auf Sendung sind, und dazwischen fast außer Rand und Band. Geradlinige Unterhaltung, keine wiedergekäute Medienkritik. Glück gehabt, finden die Zuschauer, bis auf diejenigen, die die Volksbühne verlassen. Kai und Johnny kritisieren mit großem Geschrei, auf dem Lokus sitzend und einander bei ihren bürgerlichen Namen nennend, dass sie in dieser Schmierenkomödie unmögliche Rollen abgäben. Bettina kommt mehr und mehr ins Spiel, reißt den beiden die Perücken von den Köpfen und faltet die Chauvinisten etwas zusammen. Der eine oder andere Akteur purzelt in die Publikumsreihen. Auf Kais Kanal sitzen Hitler und sein Friseur in der zweiten Reihe. Johnny will endlich sein Lied singen dürfen, sonst bringt er Kai um, denn was soll ´s, der Mord wäre in 2.000 Jahren sowieso verjährt. Volkstheater für Leute, die nicht so oft ins Theater gehen, also für die Mehrheit. Prima, wenn im Theater so was wie Fernsehen läuft. Die WM gucken wir ja auch nicht nur im Wohnzimmer.